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Polytrauma und Schockforschung

 

In der Medizin bezeichnet man als Polytrauma mehrere, gleichzeitig entstandene Verletzungen verschiedener Körperregionen, von denen eine Verletzung oder deren Kombination lebensbedrohlich ist (Definition nach Prof. Dr. med. Harald Tscherne). Ein Polytrauma wird in Deutschland im Wesentlichen durch Verkehrsunfälle und durch Unfälle bei der Arbeit oder in der Freizeit verursacht. Schwerverletzte Patienten sind überwiegend männlich und im Durchschnitt ca. 40 Jahre alt. Neben Schädel-Hirn-Verletzungen finden sich beim Polytrauma typischerweise Verletzungen des Brustkorbes, Bauches und der Extremitäten (Abbildung 1).

 

Abb. 1: Typische Verletzungen beim Polytrauma

 

 


Schwerverletzte Patienten in Deutschland werden im Durchschnitt 9 Tage künstlich beatmet und 11 Tage auf einer Intensivstation behandelt. Der durchschnittliche Klinikaufenthalt dauert 3 Wochen. Hieran schließt sich jedoch eine lange Phase der gesundheitlichen, sozialen und beruflichen Rehabilitation, so dass eine vollständige Wiedereingliederung von Schwerverletzten durchschnittlich erst nach 49 Wochen erreicht ist.

 

Abb. 2: Sterblichkeit beim Polytrauma

 


Durch eine Verbesserung der präklinischen und klinischen Versorgung (z.B. Schockraumversorgung nach dem Advanced Trauma Life Support® [ATLS®]) von Schwerverletzten konnte in den letzten Jahrzehnten die Sterblichkeit um 60% gesenkt werden (Abbildung 2). Nichtsdestotrotz stellt das Polytrauma weiterhin die häufigste Todesursache in der Altersklasse unter 45 Jahren dar. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) verstirbt jeder achte Schwerverletzte. Dementsprechend haben aus sozioökonomischer Sicht unfallbedingte Todesfälle eine höhere Relevanz als bösartige Neubildungen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, da sie mit einem größeren Verlust an Lebensjahren assoziiert sind. Etwa die Hälfte der versterbenden Patienten erliegt in den ersten 24 Stunden nach dem Unfall ihren Verletzungen infolge eines schweren Schädel-Hirn-Traumas oder unstillbarer Blutungen bei schweren Verletzungen des Beckens und des Bauches. Die restlichen 50% der Versterbenden erliegen im weiteren klinischen Verlauf einem Versagen mehrerer Organe (Multiorganversagen) oder einer generalisierten Infektion (Sepsis). Beiden Krankheitsbildern liegt eine komplexe Entzündungsreaktion des gesamten Organismus zu Grunde. Möglichkeiten, die Schwere dieser systemischen Entzündungsreaktion und damit den klinischen Verlauf von Schwerverletzten positiv zu beeinflussen, sind Gegenstand der Bemühungen unserer Forschungsgruppe.

 

Abb. 3: Schockraumversorgung

Eine mögliche Beeinflussung der systemischen Entzündungsreaktion könnte in der aktiven Abkühlung (Hypothermie) und der Gabe Hormon-ähnlicher Substanzen beim Polytrauma bestehen. Zur Vorbereitung eines möglichen klinischen Einsatzes werden hierzu in unserer Forschungsgruppe aktuell verschiedene experimentelle Studien durchgeführt.

 

In weiteren klinischen Studien werden sämtliche Aspekte der Schwerverletztenversorgung von der Unfallstelle bis zur Rehabilitation untersucht. Beispiele hierfür sind Studien zur Identifizierung von Hochrisikopatienten nach Polytrauma. Diesbezüglich werden Erbgutanalysen zur Risikostratifizierung sowie Nachuntersuchungen von schwerverletzen Patienten mit Analyse der Lebensqualität mehr als 10 Jahre nach Polytrauma durchgeführt. 

Auf den folgenden Seiten möchten wir Ihnen unsere Forschungsschwerpunkte und –ergebnisse näher bringen. Für Rückfragen oder bei Interesse zur Durchführung einer Promotion stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

Leiter der Forschungsgruppe sind:

PD Dr. Philipp Mommsen - Sprecher und Koordinator beider Gruppen

PD Dr. Christian Zeckey - Klinische Forschung

Dr. Claudia Neunaber - Experimentelle Forschung