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Gesundheitsökonomische Evaluation in der Rehabilitation. Kosten-Effektivitäts- und Kosten-Nutzen-Analysen

 

Gesundheitsökonomie und Gesundheitspolitik    Projekte    Lehre    Publikationen


Projektleitung:


Prof. Dr. F. Lamprecht, Dr. B. Jäger, PD Dr. C. Krauth

Laufzeit:

2005-2007

Projektförderer:

Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF),
Deutsche Rentenversicherung Bund

Institutionen:

Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung, MHH

Kooperationspartner:

Psychosomatik und Psychotherapie der MHH

Wiss. Mitarbeiter:

Dr. PH Iris Brandes, P. Malewski

Schwerpunkt:

Gesundheitsökonomische Evaluation

Tinnitus ist eine verbreitete Erkrankung. Die deutsche Tinnitus-Liga geht von rund drei Millionen Betroffenen in Deutschland aus und einer Inzidenz von ca. 250.000 Fällen pro Jahr. Während jedoch die große Mehrheit der Patienten gut mit dem Tinnitus leben kann, berichten bis zu 20 % der Patienten über starke Beeinträchtigungen in der Lebensqualität und der Teilhabe am Alltagsgeschehen. Sie leiden unter ihren Ohrgeräuschen und entwickeln vegetative und psychische Sekundärsymptome wie Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Geräuschempfindlichkeiten, Ängste und depressive Verstimmungen.

 
In der Studie wurden das Inanspruchnahmeverhalten medizinischer Leistungen und die daraus abgeleiteten Kosten von Patienten mit Tinnitus untersucht. In die Studie einbezogen waren Patienten, die mit einem akuten Tinnitus erstmalig in ärztliche Behandlung kamen. Diese Patienten wurden zum Ausgangszeitpunkt sowie 12 und 24 Monate später hinsichtlich der direkten und der indirekten Kosten und dem Erwerbsverlauf analysiert. Ziel war der Vergleich von Patienten hinsichtlich des Kompensationsverlaufs.
Es handelte sich bei der vorliegenden Studie um eine naturalistische Beobachtungsstudie, in der eine Kohorte akut erkrankter Tinnituspatienten über einen Zeitraum von zwei Jahren untersucht wurde. Die Daten dieser Patienten wurden im Rahmen eines Gruppenvergleichs auf Basis des Kompensationsstatus hinsichtlich der Outcomeparamter Kosten der Leistungsinanspruchnahme und Erwerbsverlauf ausgewertet. Darüber hinaus wurden die Veränderungen im Zeitverlauf für die beiden Gruppen untersucht.

 
Die wichtigsten Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung zur Aussagefähigkeit des Leistungsinanspruchnahmeverhaltens bzw. der daraus resultierenden Kosten hinsichtlich der Kompensation eines Tinnitus können wie folgt zusammengefasst werden:

 
1. In der Ausgangssituation, d.h. bei Auftreten des akuten Tinnitus unterschieden sich die Untersuchungsgruppen nicht hinsichtlich relevanter soziodemographischer und beruflicher Parameter. Ergebnisse anderer Autoren, die verschiedene Parameter (Alter, Schulbildung, Rentenwunsch, Belastungen am Arbeitsplatz, Zufriedenheit mit der Arbeitssituation) als relevante Einflussfaktoren auf den Erfolg oder Misserfolg der beruflichen Wiedereingliederung identifiziert haben, konnten mit der vorliegenden Untersuchung nicht bestätigt werden.

 
2. Auch über den üblicherweise angenommenen Chronifizierungszeitpunkt (12 Monaten nach Auftreten des Tinnitus) hinaus bestand bei einem nicht unerheblichen Teil der Patienten die Möglichkeit zur Kompensation der Symptome. Mit 10 % dekompensierten Patienten zu t3 und 8 % zu t4 lag der Anteil mit misslungener Habituation dieser Studie unter den Angaben der Literatur. Das Verhältnis der dekompensierten zu den kompensierten Patienten hat besondere sozialmedizinische und gesundheitspolitische Relevanz. Der sozialmedizinische und/oder ökonomische Bewertungsansatz zu einem frühen Ansatz (unter 24 Monate) führt möglicherweise zu einer Überbewertung der Folgen des chronisch-komplexen Tinnitus, wenn von einem zu hohen Anteil dekompensierter Patienten ausgegangen wird.

 
3. Die durchschnittlichen Gesamtkosten aus Leistungsinanspruchnahmen nahmen im Zeitverlauf (d.h. von t3 zu t4) ab. Das galt für alle Patienten gleichermaßen.

 
4. Einzelne Leistungsarten wiesen jedoch einen gegenläufigen Trend auf. Hier sind zu nennen die eigenen Aufwendungen der Patienten, die in beiden Untersuchungsgruppen im Zeitverlauf anstiegen. Darüber hinaus erhöhten sich die Kosten aus Heilmitteln und anderen Leistungen (die auch nicht-erstattungsfähige Kosten umfassen) der DEKOMP-Patienten ebenfalls im Zeitverlauf. Diese Ergebnisse scheinen die Annahme zu bestätigen, wonach Tinnitus-Patienten einen über die erstattungsfähigen Leistungen hinaus bestehenden Versorgungsbedarf realisieren.

 
5. Patienten mit dekompensiertem Tinnitus wiesen für die meisten Leistungs- bzw. Kostenarten höhere Werte auf. Zudem waren sie durch einen ungünstigeren Erwerbsverlauf gekennzeichnet. Die eingangs aufgestellte Hypothese, dass Patienten mit dekompensiertem Tinnitus ein höheres Leistungsinanspruchnahmeverhalten und eine schlechtere Prognose für die Wiedereingliederung in den Beruf aufweisen, konnte damit bestätigt werden.