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Nutzen und Risiken hormonaler Kontrazeptiva bei Frauen

 EBM & HTA  |  Projekte

Wissenschaftlicher Hintergrund

In Deutschland verwendet ein großer Teil der Frauen im reproduktiven Alter unterschiedliche Maßnahmen zur Schwangerschaftsverhütung (Kontrazeption), darunter verschiedene Methoden mit Einsatz von Hormonen. Hormonale Kontrazeptiva lassen sich in Östrogen-Gestagen-Kombinationspräparate (Tabletten, Pflaster, Vaginalringe), Gestagen-Monopräparate (Tabletten, Spritzen, Implantate, Hormonspiralen) und Notfallkontrazeptiva ( Pille danach ) unterteilen.

 

Fragestellung

Die Bewertung untersuchte die Fragen nach medizinischem Nutzen und Risiken hormonaler Kontrazeptiva, ihren gesundheitsökonomischen Effekten sowie ethisch-soziale und juristische Implikationen.

 

Methodik

Eine systematische Literaturrecherche wurde im April 2006 für den Zeitraum ab 2000 durchgeführt. Die Bewertung basiert primär auf systematischen Literaturübersichten.

 

Ergebnisse

Bei perfekter Anwendung erwiesen sich alle hormonalen Kontrazeptiva mit Ausnahme der Notfallkontrazeptiva als die wirksamsten reversiblen kontrazeptiven Methoden (Rate ungewollter Schwangerschaften: 0,05 % bis 0,3 %). Bei typischer Anwendung, die auch mögliche Anwendungsfehler berücksichtigt, zeigten allerdings hormonale orale Kontrazeptiva, Injektionen, Pflaster und Vaginalinge eine niedrigere Wirksamkeit (Rate ungewollter Schwangerschaften: 3 % bis 8 %). Diese war geringer als bei Kupferspiralen. Das Risiko für venöse Thromboembolien war bei Anwenderinnen hormonaler Kontrazeptiva drei- bis sechsfach, für Schlaganfälle und Myokardinfarkte zwei- bis dreifach erhöht und ging nach der Medikamentenabsetzung zurück. Das Risiko war von Östrogendosis und Gestagentyp abhängig. Beim Einsatz hormonaler Kontrazeptiva zeigte sich für Ovarial- und Endometriumkarzinome eine ca. 0,5- bzw. 0,7-fache Risikoreduktion, für Brustkrebs und Zervixkarzinom eine ca. 1,2- bzw. 1,6-fache Risikoerhöhung. Der Effekt blieb einige Jahre nach Medikamentenabsetzung bestehen. Ergebnisse hinsichtlich hepatozellulärer Karzinome sprachen eher für einen kanzerogenen Effekt. Bei Frauen mit Akne zeigte sich eine Verbesserung durch hormonale Kontrazeptiva. Zervikale Chlamydieninfektionen traten bei den Anwenderinnen häufiger auf, Kopfschmerzen hingegen meistens nur am Anfang der Anwendung kombinierter oraler Kontrazeptiva. Gestagen-Monopräparate verschlechterten die Ergebnisse des Glukosetoleranztests. Nachweise für weitere Nutzen (Menstruationsbeschwerden, Ovarialzysten, Knochendichte, Schilddrüsenerkrankungen, rheumatoide Arthritis) und weitere Risiken (Blutdruckhöhe, Morbus Crohn) stammen aus einer Publikation niedriger Evidenzebene. Hormonspiralen zeigten sich wirksamer als Spiralen ohne Hormonfreisetzung. Bei Notfallkontrazeption war Levonorgestrel wirksamer als die Yuzpe-Methode. Unterschiede zwischen verschiedenen hormo¬nalen Kontrazeptiva bezogen sich meistens auf den Verlauf des Menstrualzyklus. Nach Spiralen mit bzw. ohne Hormonfreisetzung erwiesen sich die anderen hormonalen Kontrazeptiva bei typischer Anwendung als die kostenwirksamsten reversiblen kontrazeptiven Methoden.

 

Diskussion

Die Fragestellungen konnte nur auf relativ niedriger Evidenzbasis beantwortet werden, zum Teil nur für Präparate mit Östrogendosen, die in Deutschland nicht mehr angewendet werden. Die Ergebnisse der ausgewerteten gesundheitsökonomischen Primärstudien sind schlecht auf die aktuelle Situation in Deutschland übertragbar (klinische Annahmen aus veralteten Informationsquellen niedriger Evidenzebenen, Kostenannahmen aus dem amerikanischen Gesundheitssystem).

 

Schlussfolgerungen

Hormonale Kontrazeptiva sind bei perfekter Anwendung als die wirksamsten reversiblen kontrazeptiven Methoden einzustufen. Bei der individuellen Entscheidung über eine hormonale Kontrazeption sollen Nutzen und Risiken gegenübergestellt werden. Bei Anzeichen, dass perfekte Anwendung nicht möglich sein wird, sollten Verhütungsmethoden in Form von Spiralen oder Hormonimplantaten priorisiert werden. In diesem Fall sind Kontrazeptiva auf Spiralenbasis auch aus gesundheitsökonomischer Sicht zu bevorzugen. Aus den vorhandenen Daten lassen sich keine ethisch-sozialen und juristischen Schlussfolgerungen ableiten.