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Geschlechtergerechte Sprache

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Geschlechtergerechte Sprache in Theorie und Praxis.

Studie zur aktuellen Situation aus linguistischer, phoniatrisch-psycholinguistischer und juristischer Perspektive. »

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Förderung:

Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur im Rahmen von „Geschlecht – Macht-Wissen. Genderforschung in Niedersachsen“

 

Laufzeit:

04/2017-12/2019

 

Teilprojektleitung:

Prof. Dr. med. Dr. med. h.c. Martin Ptok

 

Wissenschaftliche Mitarbeiterin:

Tabea Tiemeyer, M.Sc. Klinische Linguistik »

Wissenschaftliche Hilfskraft:

Marie Müller

 

Projektpartnerinnen:

Prof. Dr. Gabriele Diewald, Leibniz Universität Hannover, Germanistische Linguistik

Christine Ivanov, M.A.

Prof. Dr. Frauke Brosius-Gersdorf, Leibniz Universität Hannover, Öffentliches Recht

Annelie Bauer, Ass. iur.

Dr. Maria B. Lange, Leibnizuniversität Hannover, Projektkoordination

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Aktivitäten:

 

30.11. - 1.12.2017

Workshop für Studierende zum Thema "Geschlechtergerechte Sprache in Theorie und Praxis" mit Impulsvorträgen von Dr. Daniel Elmiger, Marianne Grabrucker, Prof. Dr. Ingo H. Warnke und Hellen Vergoossen.

 

6.6.2018

Vortrag im Rahmen der Ringvorleseung "Gender & Diversity" Zertifikat, Universität Vechta.

 

9.11.2018

Projektvorstellung bei der Jahrestagung der LAGEN

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Veröffentlichungen:

 

Tiemeyer, Tabea; Ptok, Martin. Gebrauch geschlechtsübergreifender Personenbezeichnungen in der Sprache, Stimme, Gehör im Jahr 2016. Sprache · Stimme · Gehör 2018; 42: 1–6.

 

Ivanov, Christine; Lange, Maria; Tiemeyer, Tabea (2019). Geschlechtergerechte Personenbezeichnungen in deutscher Wissenschaftssprache. Von frühen feministischen Vorschlägen für geschlechtergerechte Sprache zu deren Umsetzung in wissenschaftlichen Abstracts. Suvremena Lingvistika.

 

Schmidt-Jüngst, Miriam; Tiemeyer, Tabea; Ptok, Martin (Forthcoming). Genushinweise deutscher Vornamen. Beiträge zur Namensforschung.

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Verbundprojektziel:

 

Das Projekt ist darauf angelegt Theorie und Praxis geschlechtergerechter Sprache aus linguistischer, phoniatrisch-psycho­linguistischer und juristischer Perspektive zu untersuchen. Ziele der Untersuchung sind den aktuellen Stand der Gleichstellungsbemühungen, durch den Gebrauch geschlechtergerechter Sprache, zu ermitteln, wobei sich auf Arten der Personenreferenz sowie Amts- und Berufsbezeichnungen fokussiert wird. Hierzu sollen mit gezielten fachspezifischen und interdisziplinären Forschungsfragen neue, weiterführende Erkenntnisse gewonnen werden. Durch die innovative Kooperation kann der Forschungsgegenstand in verschiedenen Dimensionen erfasst werden und erlaubt eine klassische dreigliedrige Strukturierung wissenschaftlicher Fragestellungen in Problembeschreibung (Linguistik), Ursachen­forschung (Phoniatrie, Psycholinguistik) und Identifizierung der Auswirkungen (Rechtswissenschaft). Dabei werden linguistische, psycholinguistische und juristische Aspekte gleichermaßen in ihren theoretischen und praktischen Aspekten berücksichtigt und ein aus den Resultaten abgeleiteter, interdisziplinär fundierter Empfehlungskatalog zur besseren Umsetzung geschlechtergerechter Sprache entwickelt.

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 Teilprojekt:

 

Untersuchung zur mentalen Kodierung von de novo Repräsentationen von gender Stereotypien und zu aktionsbeeinflussenden Auswirkungen

 

Der phoniatrische Teil des Forschungsvorhabens soll sich der Frage widmen, wie de novo Repräsentationen von Geschlechts-Stereotypen bei jungen Erwachsenen mental kodiert werden und welche aktionsbeeinflussenden Auswirkungen diese haben. Konkret soll zwei Fragen nachgegangen werden:

 

1. In welchem Zeitrahmen wird eine mentale (bedeutungsbezogene, konzeptuelle) Repräsentation eines Wortes in einem semantischen Netzwerk mit inhärentem Gender-Stereotyp (GS) konstruiert?

 

2.  Welche Flexibilität haben GS?

 

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 Hintergrund

 

Unter Stereotypen werden kognitive Strukturen oder Schemata verstanden, die das Vorwissen bzw. einen als typisch behaupteten, oft vereinfachten Sachverhalt darstellen. Weiterhin repräsentieren sie aber auch Erwartungen und Vermutungen hinsichtlich einer distinkten sozialen Gruppe.

Meist werden Stereotype mit der Aktivierung negativer Eigenschaften assoziiert, doch auch positive Eigenschaften können zur Beurteilung herangezogen werden. Beispielsweise sind Autostereotype (Stereotype über die eigene Gruppe, der man angehört) eher positiv besetzt als Heterostereotype (Stereotype über Gruppen, denen man nicht angehört).

 

Es existieren verschiedene Arten von Stereotypen: Altersstereotype, Geschlechtsstereotype, ethnische Stereotype, Berufsstereotype, Klassenstereotype, physische Stereotype…. Sie alle werden automatisch aktiviert und beeinflussen unbewusst das (Denk-)Verhalten. Wie diese Anwendung abläuft, ist Gegenstand verschiedener Theorien. Devine unterscheidet zwischen der spontanen sowie unintentionalen Aktivierung von Stereotypen und der nachfolgenden Phase der Anwendung, die bei genügend kognitiver Kapazität durch persönliche Einstellungen beeinflusst werden kann. Fiske & Neuberg (1990) nehmen im Kontinuummodell ebenfalls zwei Prozesse zur Eindrucksbildung an. Auf der Grundlage minimaler Merkmale wird eine Person zunächst kategorisiert und mit assoziierten stereotypen Eigenschaften wahrgenommen. Motivationale Aspekte bilden im nächsten Schritt die Grundlage für eine individuelle Wahrnehmung.

 

White et al. (2009) konnten eine Beeinflussung von Handlungsabläufen und kognitiven Verarbeitungsprozessen durch Geschlechtsstereotype (GS) nachweisen. Den teilnehmenden Personen wurden Wortpaare gezeigt, die danach zu beurteilen waren, ob sie nach kulturellen GS zusammenpassen oder nicht. Es zeigten sich Auswirkungen sowohl auf Reaktionszeiten und Fehlertendenzen sowie auf abgeleitete, ereigniskorrelierte Potentiale im EEG, abhängig von GS kongruenten oder inkongruenten Wortpaaren. White et al. schlussfolgern aus ihren Ergebnissen eine Sensitivität der N400 für die Verletzung von GS und somit eine erschwerte Integration solcher Informationen in einen gegebenen Kontext.

 

Irmen, Holt, und Weisbrod (2010) konnten einen N400 ähnlichen Effekt bei Sätzen mit stereotyp unpassender anaphorischer Referenz (Bspw. Viele Informatiker tragen eine Brille, denn diese Frauen arbeiten viel am Rechner.) feststellen. Ebenso zeigte sich eine Interaktion zwischen Typizität von Berufsbezeichnungen und lexikalischem Geschlecht der Anapher im Bereich der P600.

 

Einen Nachweis über den Zusammenhang zwischen Sprache und Kognition erbrachten auch Vervecken und Hannover (2015). Sie konnten nachweisen, dass sich Grundschulkinder eher selbstsicher genug fühlen die Anforderungen an einen Beruf zu erfüllen, wenn der Beruf zuvor in einer Paarformel (Ingenieure und Ingenieurinnen…) dargeboten wurden. Sie schlussfolgerten; „Hence, if one’s purpose is to counteract preexisting gender stereotypes, it might be far better to highlight counter stereotypic instances through gender-explicit pair forms rather than gender-neutral language”.

 

Die Studien zeigen beispielhaft, dass Stereotypien nicht nur kognitive Prozesse erleichtern oder zur Selbstidentifikation beitragen, sie können weitreichende Folgen für unser Handeln nach sich ziehen und beeinflussen die Wahrnehmung einer anderen Person nachhaltig. Denken und Sprache sind eng miteinander verknüpft. Anfang des 19. Jahrhunderts beschrieb Wilhelm von Humboldt Sprache bereits als das„bildende Organ der Gedanken“. Sprache beeinflusst das Denken und Denken beeinflusst die Sprache. Damit sind die Sprache und ihr Ge­brauch ein entscheidender Faktor für die Realisierung von Gleichstellungsbemühungen.

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Literatur:

 

Devine, P. Stereotypes and Prejudice: Their Automatic and Controlled Components. In: Journal of Personality and Social Psychology, 1989, 56 (1), S. 5-18.

 

Fiske ST, Neuberg SL. A continuum of impression formation, from category-based to individuating processes: Influences of information and motivation on attention and interpretation. In: Zanna M, editor. Advances in experimental social psychology. San Diego: Academic Press; 1990. p. 1-74.

 

GSB Leibniz Universität Hannover (2017). Geschlechtergerechte Sprache in Theorie und Praxis. URL: http://www.gender-diversity-forschung.uni-hannover.de/2360.html

 

Irmen L, Holt DV, Weisbrod M. Effects of role typicality on processing person information in German: Evidence from an ERP study. Brain Research. 2010 24 September 2010;1353(Supplement C):133-44.

 

Klauer KC.  Soziale Kategorisierung und Stereotypisierung. In: Petersen L, Six B, editors. Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung. Weinheim [u.a.]: Beltz PVU; 2008. p. 23-32.

 

Kreiner H, Mohr S, Kessler K, Garrod S. Can context affect gender processing? ERP differences between definitional and stereotypical gender. In: Alter K, editor. Brain Talk: Discourse with and in the Brain. Lunds: Lunds universitet; 2009. p. 107-19.

 

Schneider DJ. The psychology of stereotyping. Guilford Press; 2005.

 

Vervecken D, Hannover B. Yes I Can! Effects of Gender Fair Job Descriptions on Children's Perceptions of Job Status, Job Difficulty, and Vocational Self-Efficacy. Social Psychology.2015; 46(2): 76-92.

 

White KR, Crites SL, Jr., Taylor JH, Corral G. Wait, what Assessing stereotype incongruities using the N400 ERP component. Soc Cogn Affect Neurosci. 2009 JUN;4(2):191-8.

 

 

Letzte Änderung: 11/2018 Tabea Tiemeyer


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