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Morbiditätskompression: Bisherige Ergebnisse



Herzinfarkt

Bei Männern gab es bei Herzinfarkt eine Abnahme des Ausbruchsrisikos zwischen 2005 und 2014 um 22%, in der gleichen Zeit sanken die Risiken des Versterbens in der gleichen Größenordnung. Diese Zahlen beziehen sich auf das Auftreten. Im zweiten Schritt geht es um die Frage, ob sich, wie in der Morbiditätskompressionsthese formuliert, das Alter beim Auftreten des ersten Infarkts nach oben verschoben hat und wie sich das Alter beim Versterben entwickelt hat. Über die Beobachtungszeit gab es deutliche und kontinuierliche Veränderungen nach oben, und 2014 lag das durchschnittliche Ausbruchsalter etwa 11 Monate höher als 2005. Das Sterbealter erhöhte sich in etwa um den gleichen Betrag. Insgesamt hat bei Männern Morbiditätskompression stattgefunden, genauer: es fand relative Kompression statt, denn das Alter beim Versterben und das Alter beim Ausbruch des ersten Erstinfarkts stiegen um etwa den gleichen Betrag an.

Bei Frauen sieht die Situation etwas anders aus. Das durchschnittliche Alter des ersten Herzinfarkts und des Versterbens veränderte sich über die beobachteten Jahre kaum, jedoch sank das Risiko eines Infarkts um mehr als 30%. Damit verringerte sich das im Vergleich zu Männern ohnehin niedrigere Infarktrisiko nochmals, und andere Erkrankungen bestimmen zunehmend das Sterblichkeitsrisiko. Das Alter beim Auftreten des ersten Infarkts veränderte sich über die 10 beobachteten Jahre ebenso wenig wie das Alter des Versterbens. Vor diesem Hintergrund hat bei Frauen keine Morbiditätskompression stattgefunden.

Wenn die Entwicklungen bei Männern und Frauen im Kontext betrachtet werden, bewegen sich die beiden Geschlechter aufeinander zu, wobei dieser Prozess vollständig von der Entwicklung bei Männern getragen wird.

 

Diabetes mellitus Typ 2

Die Befunde haben ergeben, dass die Prävalenz von Typ 2 Diabetes ansteigt und dass der Beginn der Erkrankung immer früher auftritt. Insgesamt hat sich gezeigt, dass sich bei steigender Lebenserwartung der Anteil der gesunden Lebensjahre über die Beobachtungszeit von 2005 bis 2014 verringert und der Anteil der Lebenszeit mit Typ 2 Diabetes vergrößert. Demnach deuten die Ergebnisse auf eine Expansion der Morbidität hin. Diese verläuft hier nicht nur absolut (Anstieg der kranken Jahre), sondern auch relativ (mehr kranke Jahre im Verhältnis).

 

Weitere Forschung wird sich mit der Frage befassen, ob sich die Krankheitslast über die Zeit geändert hat, sodass ein dynamisches Gleichgewicht anstelle einer Expansion angenommen werden kann. Dies wäre zutreffend, wenn Komplikationen in vermindertem Maße oder auch zu einem späteren Zeitpunkt aufträten. Des Weiteren gilt es festzustellen, ob es soziale Unterschiede beim Verlauf von Diabetes gibt. Denkbar wäre, dass eine Expansion in den unteren sozialen Gruppen in stärkerem Maße verläuft. Beim Auftreten von Typ 2 Diabetes hat sich bereits gezeigt, dass es soziale Unterschiede gibt. Je höher der Bildungsstand war, desto geringer war das Erkrankungsrisiko.

 

Multimorbidität

 

Die wenigen bisher existierenden Studien zur Entwicklung der Multimorbidität im Zeitverlauf berichten Anstiege in den Prävalenzraten (1, 2). Auch unsere Analysen zeigen ein deutliches Anwachsen des Anteils der von Multimorbidität betroffenen Personen zwischen 2005 und 2014. Darüber hinaus lässt sich eine deutliche Ausweitung der mit Multimorbidität assoziierten Lebensspanne erkennen. Insgesamt übersteigt die Zunahme der morbiden Lebensjahre deutlich den Anstieg in der Lebenserwartung. Dies führt dazu, dass sich auch der Anteil der multimorbiditätsfreien Lebensjahre im Zeitverlauf deutlich reduziert. Diese Entwicklungen deuten auf eine Expansion der Multimorbidität im Zeitverlauf hin, die sich sowohl absolut (Anstieg der morbiden Lebensjahre) als auch relativ im Absinken des Anteils der „gesunden“ Lebenszeit äußert. Weitere Analysen könnten zeigen, ob sich in allen sozioökonomischen Gruppen eine Expansion zeigt oder ob beispielsweise bei höherem sozialem Status Kompression oder ein dynamisches Gleichgewicht zu finden ist.

 

Literatur

1. Uijen AA, van de Lisdonk EH. Multimorbidity in primary care: prevalence and trend over the last 20 years. The European journal of general practice 2008; 14 Suppl 1:28–32.

2. Pefoyo AJK, Bronskill SE, Gruneir A, Calzavara A, Thavorn K, Petrosyan Y et al. The increasing burden and complexity of multimorbidity. BMC public health 2015; 15:415.