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Forschungsbericht 2008

Arbeitsbereich Klinische Psychologie in der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie


Leiter: Prof. Dr. Dipl.-Psych. Uwe Hartmann

Kontakt:
Telefon: 0511/532-2407
Email-Adresse: hartmann.uwemh-hannover.de

 


I. Forschungsprofil

 

 

Der Arbeitsbereich Klinische Psychologie in der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie verfolgt traditionell zwei Forschungsschwerpunkte:

 

1. Klinisch-psychologische Forschung im engeren Sinn, darunter v.a.:

  • Psychotherapieforschung, speziell zur stationären Psychotherapie
  • Verhaltensmedizinische Forschung, u.a. mit dem Einsatz von Biofeedback.

2. Sexualforschung, mit den derzeitigen Schwerpunkten:

  • Psycho-neuro-immunologische und –endokrinologische Grundlagenforschung zur Psychobiologie normaler und gestörter sexueller Reaktion
  • Klinische Forschung zu neuen medikamentösen und psychotherapeutischen Therapiekonzepten bei sexuellen Funktionsstörungen des Mannes und der Frau, Paraphilien/Sexualdelinquenz und Störungen der Geschlechtsidentität
  • Erforschung der Zusammenhänge zwischen Variablen der Paarbeziehung und der Paarsexualität inklusive der Entwicklung innovativer Therapiekonzepte.
  • Erforschung des Zusammenhangs zwischen sexueller Befriedigung und sexueller Lust/Lustlosigkeit, Partnerbeziehung und allgemeinem Wohlbefinden

II. Forschungsprojekte


1. Forschungsschwerpunkt:

 

Modulation menschlichen Sexualverhaltens durch intranasale Neuropeptid-Gaben

 

Die funktionelle Bedeutung des Neuropeptides Oxytocin reicht von der Modulation neuroendokriner und physiologischer Vorgänge wie z.B. Geburt, Ferguson-Reflex und Laktation bis zur Etablierung von komplexen sozialen und sexuellen Bindungsverhalten wie z.B. Mutter-Kind-Bindung oder konditionierte Partnerpräferenz (Überblick siehe (Heinrichs & Domes 2008)).

 

Humanexperimentelle Arbeiten zeigen, dass Neuropeptide die Blut-Hirn-Schranke über einen intranasalen Zugang passieren können. Über diesen Zugangsweg können verschiedene verhaltensneurobiologische Fragestellungen untersucht werden (Heinrichs & Domes 2008; Burri et al. 2008). Jüngste Arbeiten belegen eine Bedeutung von Oxytocin insbesondere bei der Förderung von zwischenmenschlichem Vertrauen, positiven Streitverhaltens und der Fähigkeit emotionale Zustände im Gesicht des Gegenübers zu erkennen. Für den Bereich der Sexualphysiologie deuten tierexperimentelle Arbeiten sowie einzelne Fallberichte beim Menschen darauf hin, dass Oxytocin faszilitatorische Eigenschaften für sexuelles Verlangen und sexuelle Funktionen hat. Im Tiermodell konnte beispielsweise gezeigt werden, dass Oxytocin penile Erektionen über eine Modulation des Nucleus paraventricularis, der direkte Projektionen zu lumbosakralen spinalen Segmente unterhält, induzieren kann. Darüber hinaus kann Oxytocin soziosexuelle Interaktionen zwischen zwei Kopulationspartnern verstärken, während Oxytocinrezeptorantagonisten sexuelle Funktionen inhibieren können (Melis et al. 2000).

 

Auf der Ebene der endokrinen Sexualphysiologie konnte Oxytocin als Orgasmusmarker bei Männer und Frauen identifiziert werden und zeigt hier kurzzeitige Konzentrationserhöhung im peripheren Plasma (Kruger et al. 2003a). Gleichzeitig sind ausgeprägte und langanhaltende Prolaktinerhöhungen unmittelbar nach dem sexuellen Höhepunkt bei Männer und Frauen zu beobachten (Kruger et al. 2003b; Kruger et al. 1998). Es wird postuliert, dass Oxytocin möglicherweise periphere reproduktive Funktionen fördert, indem beispielsweise die Motilität von Eizelle und Spermium optimiert bzw. die Kontraktilität im Reproduktionsorgan der Frau erhöht wird. Darüber hinaus korrelieren die Oxytocin-Plasmaspiegel bei multiorgastischen Frauen mit der subjektiven sexuellen Erregungseinschätzung (Carmichael et al. 1994). Einzelne Fallberichte deuten darauf hin, dass Oxytocin in Kombination mit einer progestagenen Kontrazeption sexuelles Verlangen und Funktionen verbessern kann (Anderson-Hunt & Dennerstein 1995; Anderson-Hunt & Dennerstein 1994). In einer kürzlich abgeschlossenen Untersuchung konnte unsere Arbeitsgruppe zeigen, dass intranasale Oxytocingaben unter Laboratoriumsbedingungen bei Männern einerseits zu einer leichten, aber signifikanten sympathoadrenergen Aktivierung führt und andererseits das subjektiv erlebte Maß an sexueller Erregung und Orgasmus erhöht (Buri et al., 2008).

 

Trotz einer umfangreichen tierexperimentellen Literatur und erster humanexperimenteller Daten gibt es bisher kaum systematische Untersuchungen zur physiologischen Bedeutung von Oxytocin für menschliches Sexualverhalten insbesondere bei Frauen und Paaren. Es ist wenig darüber bekannt, in welcher Weise experimentelle Oxytocingaben appetetives und konsumatorisches Sexualverhalten sowie die Refraktärphase beeinflussen. In dem aktuellen, von der Europäischen Gesellschaft für Sexualmedizin geförderten Forschungsvorhaben werden daher die akuten Effekte experimenteller Oxytocingaben unter Labor- und naturalistischen Bedingungen systematisch bei Frauen und Paaren untersucht. Vor dem Hintergrund der Beobachtung, dass Sexualsteroide  bedeutende Effekte auf die Plastizität und Funktion des zentralen oxytocinergen Systems ausüben, wird in der Studie das weibliche Probandenkollektiv nach hormoneller und nichthormoneller Kontrazeption unterteilt. Es werden jeweils 24 internationale Einheiten eines Oxytocin-Nasensprays intranasal appliziert und die verhaltensneurobiologischen Effekte im Rahmen eines doppelverblindeten, placebokontrollierten und ausbalancierten Cross-Over-Designs untersucht. Unter Laborbedingungen werden sexuelle Erregung und Orgasmus durch erotische Filmsequenzen und Masturbation induziert. In naturalistischen Studienteil werden Partnerkontakt und Geschlechtsverkehr im gewohnten häuslichen Umfeld der Probandenpaare stattfinden. Über ein portables Herzfrequenz-Aufzeichnungssystem wird kontinuierlich die Herzfrequenz zur Erfassung der Aktivität des autonomen Nervensystems aufgezeichnet. Unter Laborbedingungen erfolgt darüber hinaus eine vaginale Photoplethysmographie, die eine objektive Auswertung sexueller Erregung und Orgasmus ermöglicht (Exton et al. 1999). Die subjektiv erfasste sexuelle Erregung und Funktion werden über ein von uns etabliertes psychometrisches Instrument der „Acute Sexual Experience Scale“ (ASES, Kruger et al. 2003b) erfasst.

 

Mit diesem Forschungsprojekt werden erstmals die verhaltensneurobiologischen Effekte intranasaler Oxytocingaben auf die weibliche und männliche Sexualphysiologie untersucht. Die systematische Herangehensweise ermöglicht sowohl eine Untersuchung des Sexualverhaltens unter hoch kontrollierten Bedingungen im Labor, als auch die Untersuchung des Einflusses einer sozialen Interaktion unter naturalistischen Bedingungen. Durch diese Arbeiten können einerseits physiologische Grundlagen menschlichen Sexualverhaltens weiter erarbeitet und andererseits mögliche klinische Implikationen erforscht werden.

 

Literatur:
Anderson-Hunt M & Dennerstein L 1994 Increased female sexual response after oxytocin. BMJ 309 929.
Anderson-Hunt M & Dennerstein L 1995 Oxytocin and female sexuality. Gynecol Obstet Invest 40 217-221.
Burri A, Heinrichs M, Schedlowski M & Kruger TH 2008 The acute effects of intranasal oxytocin administration on endocrine and sexual function in males. Psychoneuroendocrinology 33 591-600.
Carmichael MS, Warburton VL, Dixen J & Davidson JM 1994 Relationships among cardiovascular, muscular, and oxytocin responses during human sexual activity. Arch Sex Behav 23 59-79.
Exton MS, Bindert A, Kruger T, Scheller F, Hartmann U & Schedlowski M 1999 Cardiovascular and endocrine alterations after masturbation-induced orgasm in women. Psychosom Med 61 280-289.
Heinrichs M & Domes G 2008 Neuropeptides and social behavior: effects of oxytocin and vasopressin in humans. Prog Brain Res 170 337-350.
Kruger T, Exton MS, Pawlak C, von zur Muhlen A, Hartmann U & Schedlowski M 1998 Neuroendocrine and cardiovascular response to sexual arousal and orgasm in men. Psychoneuroendocrinology 23 401-411.
Kruger TH, Haake P, Chereath D, Knapp W, Janssen OE, Exton MS, Schedlowski M & Hartmann U 2003a Specificity of the neuroendocrine response to orgasm during sexual arousal in men. J Endocrinol 177 57-64.
Kruger TH, Haake P, Haverkamp J, Kramer M, Exton MS, Saller B, Leygraf N, Hartmann U & Schedlowski M 2003b Effects of acute prolactin manipulation on sexual drive and function in males. J Endocrinol 179 357-365.
Melis MR, Succu S, Spano MS & Argiolas A 2000 Effect of excitatory amino acid, dopamine, and oxytocin receptor antagonists on noncontact penile erections and paraventricular nitric oxide production in male rats. Behav Neurosci 114 849-857.


Mitarbeiter: F. Deiter, U. Hartmann, T. Krüger
Förderung: European Society for Sexual Medicine, Grant for Medical Research 2008

 


2. Weitere Forschungsschwerpunkte:

 

Psychische Faktoren und Persönlichkeitsmerkmale bei Personen mit pathologischen Internet-Nutzungs-Verhalten mit dem Schwerpunkt pornographischer Inhalte  –  Eine empirische Studie

Mitarbeiter: K. Zwitzers, U. Hartmann

 


Neue Konzepte und Strategien in der Therapie von sexuell gestörten Paarbeziehungen: Theoretische und empirische Untersuchung zur Anwendung des systemischen Ansatzes von D. Schnarch

Im Rahmen der Weiterentwicklung sexualtherapeutischer Verfahren für Paare beschäftigt sich dieses Projekt mit der Untersuchung neuer Ansätze mit dem Ziel der Entwicklung integrativer sexualtherapeutischer Verfahren. Die Ergebnisse sollen dazu dienen, relevante Prädiktoren für eine lebendige und befriedigende Sexualität in einer längerfristigen Partnerschaft aufzuzeigen und Informationen für die Entwicklung angemessener Behandlungsmaßnahmen für Paar- und Sexualtherapeuten bereitzustellen.

Mitarbeiter: D. Wuttig, U. Hartmann

 


Physiologische Bedeutung von Prolaktin für reproduktive Funktionen bei Frauen

Mitarbeiter: T. Krüger, B. Lehners (Zürich), M. Egli (Zürich)
Förderung: Herrmann Klaus-Stiftung (Zürich)

 


Effekte experimenteller vestibulärer Stimulation auf Affekt und Stimmung beim Menschen

Mitarbeiter: T. Krüger, M.A. Wollmer (Basel), D. Straumann (Zürich), U. Hartmann, L. Winter

Förderung: Herrmann Klaus-Stiftung, Zürich, Schweiz

 


Clostridium botulinum Typ A Neurotoxinkomplex zur adjuvanten Behandlung von depressiven Störungen – Eine randomisierte, kontrollierte Pilotstudie
Mitarbeiter: A. Wollmer, T. Krüger

Förderung: Gottfried und Julia Bangerter-Rhyner-Stiftung, Basel, Schweiz

 

 

Keine Chance für die Lust?! - Sexuelle Appetenzstörung aus der Perspektive betroffener Frauen. Eine Online-Studie zu den Ursachen, Überzeugungen und Auswirkungen auf die Partnerschaft.

In einer Online-Studie wird sexuelle Appetenzstörung erstmalig aus der Perspektive betroffener Frauen untersucht. Ziel der Befragung ist es, mehr drüber zu erfahren, wie diese Frauen selbst ihr geringes sexuelles Verlangen erleben, erklären und warum sie oft erst sehr spät, oder häufiger noch gar nichts, dagegen tun. Nur wenn bekannt ist, was diese Frauen bräuchten, können bestehende Hilfsangebote überprüft, bzw. passende Hilfsangebote entwickelt werden. Mittels Online-Fragebogen, in dem die Teilnehmer neben vorgegebenen Antwortkategorien auch ihr ganz persönliches Erlenen frei schildern können, wird neben ihrem Umgang mit der sexuellen Luststörung auch nach Überzeugungen und ihren Ängsten gefragt. Besonders für dieses sensible, häufig schambesetzte Thema, erscheint das gewählte Medium der Internet-Befragung dabei ideal.
Mitarbeiter: J. Kobs

 


Online-Studie zur Entwicklung eines Fragebogens zu koitaler sexueller Befriedigung bei Frauen
Mitarbeiter: S. Philippsohn


Online-Studie zur Erforschung der subjektiven masturbatorischen und koitalen sexuellen Befriedigung bei Männern
Mitarbeiter: S. Philippsohn


Klinische doppelblinde Studie zur Prüfung von Verträglichkeit und Wirksamkeit von Flibanserin bei prämenopausalen Frauen mit hypoaktivem sexuellen Verlangen (hypoactive sexual desire disorder)
Mitarbeiter: S. Philippsohn, K. Heiser, C. Rüffer-Hesse
Förderung: Industrie


Klinische offene Studie zur Prüfung von Verträglichkeit und Wirksamkeit von Flibanserin bei prämenopausalen Frauen mit hypoaktivem sexuellen Verlangen (hypoactive sexual desire disorder)
Mitarbeiter: S. Philippsohn, K. Heiser, C. Rüffer-Hesse
Förderung: Industrie


Entwicklung, Erprobung und Anpassung eines speziell erarbeiteten, standardisierten und manualisierten paartherapeutischen Programms zur Behandlung von Patienten mit sexuellen Appetenzstörungen.

Mitarbeiter: J. von Johnn-Adler, U. Hartmann


Sexuelle Appetenzstörungen bei Frauen: Test der Wirksamkeit einer störungsspezifischen Psychotherapie (Efficacy of a disorder specific psychotherapy for Female Hyposexual Desire Disorder; Psysex I)

Mitarbeiter: U. Hartmann, M. Berner (Freiburg)
Eingereicht bei BMFT/DFG im Förderprogramm „Klinische Studien“

 

 

 

Publizierte Abstracts

2008 wurden 2 Abstracts publiziert.

 

 


III. Habilitationen, Dissertationen und Diplomarbeiten


Breidenbach, A. (Dr. med.): Neuroendokrine und kardiovaskuläre Effekte sexueller Aktivität bei Frauen.

 

Sarkar, N. (Dr. med.): Neuroendokrine und kardiovaskuläre Effekte während sexueller Aktivität bei Frauen mit multiplen Orgasmen.

 

Simon, A. (Diplomarbeit Dipl.-Psych.): Allgemeine Psychotherapiemotivation und Symptombelastung von Alkoholkranken in qualifizierter Entgiftungsbehandlung.

 

 


Weitere Tätigkeiten in der Forschung:

 

Prof. Dr. U. Hartmann: Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin und Sexualtherapie (DGSMT); Fachgutachter für zahlreiche nationale und internationale wissenschaftliche Journals; Mitherausgeber der Zeitschrift „Blickpunkt der Mann“; Mitglied des Editorial Board des „International Journal of Transgenderism“.

 

PD Dr. T. Krüger: Fachgutachter für zahlreiche internationale Zeitschriften darunter Addiction Biology, Alcohol & Alcoholism, Journal of Psychiatric Research, Journal of Sexual Medicine, Medical Science Monitor, Neuropsychiatric Disease and Treatment, Neuropsychobiology, Progress in Neuro-Psychopharmacology & Biological Psychiatry, Psychoneuroendocrinology