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Forschungsbericht 2002

 

Arbeitsbereich Klinische Psychologie in der Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie
Leiter: Prof. Dr. U. Hartmann, Dipl.-Psych.

 

I. Forschungsprojekte

 

1. Forschungsschwerpunkt:

 

Zwangsstörungen

 

Die primäre Zielsetzung des Projektes besteht darin, grundlegende Erkenntnisse über Erlebens- und Verhaltensmuster Zwangskranker sowie über deren Kindheitserfahrungen zu gewinnen. Insbesondere der bislang in der empirischen Forschung deutlich vernachlässigten Frage nach in der Kindheit liegenden Ursachen von Zwängen soll im Rahmen des Projektes nachgegangen werden. Langfristig soll das Projekt mit seinen Erkenntnissen zur Ergänzung bzw. Modifikation der derzeit verfügbaren, am Behandlungserfolg gemessen noch relativ unbefriedigenden Strategien der psychotherapeutischen Behandlung Zwangskranker beitragen. 

 

In einer in den Jahren 1999/2000 durchgeführten Untersuchung wurden Zwangskranke mit einer Gruppe von Angstkranken sowie einer Gruppe von psychisch unbelasteten Personen hinsichtlich der o. g. Aspekte verglichen. Untersuchungsgrundlage stellten diverse Fragebogenverfahren zur Selbsteinschätzung dar. Soweit möglich, wurde dabei auf standardisierte Messinstrumente zurückgegriffen. Insbesondere für die Erfassung der perzipierten Kindheitserfahrungen waren Neukonstruktionen erforderlich. Neben den Probanden als den eigentlichen Zielpersonen waren auch deren Angehörige (Partner, Eltern) in die Untersuchung einbezogen. Die Angehörigen wurden zu ihrem Umgang mit der Zwangs- bzw. Angstsymptomatik der jeweiligen Zielperson befragt. Die Eltern sollten überdies eine Einschätzung ihres eigenen Verhaltens während der Kindheit der jeweiligen Zielperson abgeben.

 

Die Auswertung des umfangreichen Datenmaterials in 2001/2002 konnte die in der klinischen Literatur seit Jahrzehnten verbreitete Annahme, dass Zwangsstörungen auf Kindheitserfahrungen zurückgehen, stützen. Nicht bestätigen hingegen ließ sich die Annahme zwangsspezifischer Kindheitserfahrungen; zwar unterschieden sich Zwangskranke deutlich von den Kontrollpersonen hinsichtlich ihrer Kindheitserfahrungen, zwischen den Zwangskranken und den Angstkranken fanden sich aber keine nennenswerten Unterschiede. Vergleichbare Ergebnisse (kein Unterschied zwischen beiden klinischen Gruppen, jedoch deutliche Unterschiede zwischen jede der klinischen Gruppen einerseits und der Vergleichsgruppe andererseits) ergaben sich für verschiedene Dimensionen des aktuellen Erlebens und Verhaltens (z.B. Perfektionismus, Verantwortlichkeitserleben, Emotionalität, Sexualität). Für den Umgang der Angehörigen mit der Zielperson und ihrer Symptomatik waren ebenfalls keine Unterschiede zwischen Zwangskranken und Angstkranken nachweisbar.  

 

Aufbauend auf den genannten Ergebnissen erfolgte in 2002 die Planung einer weiteren Untersuchung an Zwangskranken. Für diese Untersuchung ist neben der Fragebogenerfassung der psychopathologischen Symptomatik, wie sie bereits in der früheren Studie durchgeführt wurde, zur Feststellung der Komorbidität ein ausführliches strukturiertes Experteninterview mit den Probanden vorgesehen. Neben Angstpatienten soll eine weitere, weniger angstbehaftete klinische Vergleichsgruppe in die Untersuchung einbezogen werden, da Zwangsstörungen und Angststörungen sich im Hinblick auf das Vorliegen von Ängsten überschneiden.

 

Ein Schwerpunkt der Studie soll die Übersetzung und Validierung neuer zwangsrelevanter Fragebogenverfahren aus dem angloamerikanischen Sprachraum darstellen, zumal neue Messinstrumente zukünftige Forschung auf dem Gebiet der Zwangsstörung wesentlich voranbringen würden. Bezüglich der Frage nach den psychologischen Ursachen von Zwangssymptomen ist an eine intensive Überprüfung des Zusammenhangs zwischen Verantwortlichkeitsübernahme im Erwachsenenalter und Kindheitserfahrungen gedacht. Überdies soll im Rahmen des geplanten Projektes empirisch geprüft werden, ob, wie von verschiedenen Autoren postuliert, der Zwang tatsächlich als Handlungsstörung konzipiert werden muss, und ob der Zwangsstörung ein Mechanismus der Spaltung des Selbst und eine Selbstwertproblematik zugrunde liegen.

Mitarbeiter: A. Liebler, U. Hartmann, M. Fieler, D. Nolte, R. Reinmold

 

2. Weitere Forschungsschwerpunkte:

 

Prolaktin, Dopamin und neuronale Systeme in der Steuerung von normalem und deviantem Sexualverhalten: Von der Peripherie zum ZNS
Die funktionellen Zusammenhänge zwischen sexueller Erregung und Orgasmus und neuroendokrinen Parametern sind beim Menschen wenig verstanden. Die bisherigen eigenen Forschungsarbeiten dokumentieren eine zentrale Rolle von Prolaktin-Plasmakonzentrationen in der Regulierung appetitiven und konsumatorischen Sexualverhaltens beim Menschen. Dieser in der Peripherie nachgewiesene Mechanismus soll mit Blick auf das zentrale Nervensystem weiter analysiert werden. Durch kontinuierliche Aufzeichnung der Konzentrationen von Peptiden, Neurotransmittern und deren Metaboliten im Liquor soll geklärt werden, ob erhöhte Prolaktinspiegel tatsächlich schnell von der Peripherie ins ZNS gelangen und hier dopaminerge Systeme beeinflussen. Neben der Analyse von Transmittersystemen (volume transmission) sollen außerdem neuronale Netzwerke mittels funktioneller Kernspintomografie bei gesunden Männern und pädophilen Sexualstraftätern identifiziert werden (wiring transmission), die an der Steuerung von sexuellem Appetenzverhalten und Orgasmus beteiligt sind. Der Brückenschlag zwischen funktioneller Bildgebung und neuroendokrin-neurochemischen Mechanismen wird wiederum durch die Untersuchung von prolaktinerg-dopaminergen Transmittersystemen vor und nach sexueller Aktivität mit Liganden-Rezeptorstudien im kombinierten PET/ CT erfolgen. Mit diesen Untersuchungen sollen die Bedeutung der Orgasmus-induzierten Prolaktinveränderungen für das sexuelle Erregungsmuster beim Menschen weiter analysiert werden und darüber hinaus eine Basis für das Verständnis von zentralen Steuerungsmechanismen sexueller Funktionen bei gesunden Männern und pädophilen Patienten geschaffen werden.

Mitarbeiter: T. Krüger, U. Hartmann, N. Leygraf (Essen), M. Forsting (Essen), E. Gizewski (Essen), M. Schedlowski (Essen)

Drittmittelgeber: DFG

 

Untersuchungen zu Veränderungen in Paarbeziehungen im Zusammenhang mit Problemen der sexuellen Appetenz

Mitarbeiter: Prof. Dr. U. Hartmann, Dr. K. Heiser, cand. med. F. Behrens

 

Zwei klinische Studien zur Überprüfung der Wirksamkeit und Sicherheit neuer Phosphodiesterase-Typ 5- Hemmer bei Männern mit erektiler Dysfunktion

Mitarbeiter: C. Rüffer-Hesse, K. Heiser, G. Kloth, U. Hartmann; Förderung : Industrie

 

Klinische Studie zur Wirksamkeit von Bupropionhydrochlorid bei Frauen mit sexuellen Funktionsstörungen:

Diese 2001 begonnene einfachblind placebokontrollierte Studie ist ein Teilprojekt des Forschungsschwerpunktes „Weibliche sexuelle Dysfunktionen“. Es konnten insgesamt 17 Frauen aufgenommen werden, die zum größten Teil an einem Mangel an sexueller Appetenz nach DSM-IV-Kriterien litten. Die Patientinnen wurden mit klinischen Interviews, mit einem Fragebogenset zu Persönlichkeitsfaktoren, zur Befindlichkeit und mit spezifischen, selbst erstellten Fragebögen zur sexuellen Funktionsfähigkeit sowie körperlich und laborchemisch untersucht und im Verlauf beobachtet.

C. Rüffer-Hesse, K. Heiser, S. Philippsohn, U. Hartmann

 

Perzipiertes elterliches Erziehungsverhalten im Kontext psychotherapeutischer Behandlung

Im Mittelpunkt des Projektes steht die Frage nach einem möglichen Zusammenhang zwischen Kindheitserfahrungen und Psychopathologie sowie die Frage nach dem Einfluss einer psychotherapeutischen Behandlung auf die Erinnerungen an das elterliche Erziehungsverhalten in der Kindheit. Zur Klärung der Fragen wurden die anhand eines standardisierten Fragebogens zu zwei Messzeitpunkten erhobenen Kindheitserinnerungen von Psychotherapiepatienten zu den ebenfalls zu zwei Messzeitpunkten erfassten Perzeptionen einer parallelisierten Kontrollgruppe von Personen aus der Allgemeinbevölkerung in Beziehung gesetzt.   

Mitarbeiter: A. Liebler, A. Walter, T. Huber, U. Hartmann

 

Therapieprozess und Therapieerfolg in der stationären Psychotherapie

Nach wie vor mangelt es in der Psychotherapieforschung an Studien, die den Behandlungsverlauf und dessen Bedeutung für den Behandlungserfolg untersuchen. Eine Studie an stationären Psychotherapiepatienten soll prüfen, ob sich Patienten mit Unterschieden hinsichtlich des Behandlungserfolges auch im Behandlungsverlauf unterscheiden. Insbesondere interessiert die Frage, ob sich die später als erfolgreich zu klassifizierenden Patienten bereits innerhalb der ersten Behandlungswochen von weniger erfolgreichen abheben. Therapieverlauf und Therapieerfolg der Patienten wurden mittels standardisierter Selbsteinschätzungs-Fragebogen erfasst. Erste Ergebnisse sind für 2003 zu erwarten.   

Mitarbeiter: A. Liebler, C. Povel, U. Hartmann

 

Evaluation stationärer Psychotherapie

Zur Optimierung des Behandlungserfolges wurde im Herbst 1997 das Behandlungskonzept der Psychotherapiestation der MHH modifiziert. Die Anzahl psychotherapeutischer Gruppensitzungen wurde reduziert zugunsten von Einzelsitzungen, die bis dahin auf der Station unüblich gewesen waren. Im Rahmen des Projektes sollte das neue Behandlungskonzept evaluiert werden. Aus den Ergebnissen lassen sich Anregungen für die zukünftige Gestaltung des Behandlungskonzeptes ableiten.

Mitarbeiter: A. Liebler, E. Schulze, U. Hartmann

 

Biofeedback im verhaltenstherapeutischen Behandlungsverlauf: Weiterentwicklung und Erprobung automatisierter Anwendungs- und Aufzeichnungsverfahren für Therapiesitzung und Selbstanwendung (Dr. R. Schmidt, N.N.)

 

II.         Publikationen

 

1. Originalarbeiten

Becker, A.J., Ückert, S., Stief, C.G., Scheller, F., Knapp, W.H., Hartmann, U., Brabant, G. Jonas, U. Serum levels of human growth hormone during different penile conditions in the cavernous and systemic blood of healthy men and patients with erectile dysfunction. Urology 2002; 59: 609 - 614.

 

Brandenburg, U., Sperling, H., Hartmann, U., Truß, M., Stief, C.: Sexualität im Alter. Urologe [A] 2002; 41: 346-349.

 

Haake P, Exton MS, Haverkamp J, Krämer M, Leygraf N, Hartmann U, Schedlowski M, Krüger, THC. Absence of orgasm-induced prolactin secretion in a healthy multi-orgasmic male subject. Int J Impot Res 2002; 14: 1-3.

 

Hartmann, U., Heiser, K., Rüffer-Hesse, C., Kloth, G.: Female sexual desire disorders: subtypes, classification, personality factors and new directions for treatment. World J Urol 2002; 20: 79-88.

 

Hartmann, U., Nicolosi, A., Glasser, D.B., Gingell, C., Buvat, J., Moreira, E., Lauman, E. Sexualität in der Arzt-Patient-Kommunikation. Ergebnisse der „Globalen Studie zu sexuellen Einstellungen und Verhaltensweisen“. Sexuologie 2002; 9: 50-60.

 

Krüger THC, Haake P, Hartmann U, Schedlowski M, Exton MS. Prolactin release following orgasm: a feedback control of sexual arousal? Neurosc Biobehav Rev 2002; 26: 31-44.

 

Krüger, THC, Haake, P, Schedlowski, M, Exton, MS, Hartmann, U. Orgasmus-induzierte Prolaktinsekretion: Feedback-Mechanismus für sexuelle Appetenz oder ein reproduktiver Reflex? Sexuologie 2002, 9: 26-33.

 

Nicolosi, A., Hartmann, U., Glasser, D.B., Gingell, C., Buvat, J., Moreira, E., Lauman, E. Sexual attitudes and beliefs in mature men and women: results of an international survey. Eur J Public Health, 2002.

 

Philippsohn, S, Heiser, K, Hartmann, U. Sexuelle Befriedigung und Sexualmythen bei Frauen: Ergebnisse einer Fragebogenuntersuchung zu den Determinanten sexueller Zufriedenheit. Sexuologie 2002; 9: 148-154.

 

2. Übersichtsarbeiten

Hartmann, U, Schneider, U, Emrich, HM. Auf der Jagd nach dem Glück. Gehirn und Geist, 4/2002: 10-15.

 

3. Buchbeiträge, Monographien, Herausgeberschaft von Büchern

Hartmann, U, Becker, H. Störungen der Geschlechtsidentität. Ursachen, Verlauf, Therapie. Wien, Springer, 2002.

Liebler, A., Koch, M., Emrich, H.E. & Hartmann, U. (2002). Wirkfaktoren in der stationären Gruppenpsychotherapie aus Patienten- und aus Therapeutensicht: Je größer die Übereinstimmung, umso größer der Behandlungserfolg? In M. Bassler (Hrsg.).  Stationäre Gruppenpsychotherapie. Gießen: Psychosozial Verlag.

 

4. Publizierte Abstracts

Im Jahr 2002 wurden 4 Abstracts publiziert.

 

III.                  Dissertationen und Diplomarbeiten

 

Bubenzer, K. Zwangskranke und ihre Familien – Der familiäre Hintergrund, kognitive Aspekte, und die Auswirkungen der Zwangserkrankung auf das aktuelle familiäre System .

Paulson, E. Neuroendokrine und kardiovaskuläre Effekte bei Frauen während des Koitus.

Philippsohn, S. Sexuelle Befriedigung und Sexualmythen bei Frauen: Ergebnisse einer Fragebogenuntersuchung zu den Determinanten sexueller Zufriedenheit.

Schütze, S. Zur funktionalen Bedeutung neuroendokriner Parameter im peripheren und kavernösen Blut bei psychogener erektiler Dysfunktion. Ergebnisse einer Pilotstudie.