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Forschungsbericht 1998

 

Arbeitsbereich Klinische Psychologie

Leiter: Prof. Dr. Dipl.-Psych. Uwe Hartmann

 

1. Forschungsschwerpunkt:

 

Zwangsstörung

 

Lange Zeit galt die Zwangsstörung als eine in gleicher Weise seltene wie seltsame Erkrankung, der sowohl in der klinischen Forschung als auch in der therapeutischen Praxis relativ wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Das fehlende Interesse an der Erkrankung rührte nicht zuletzt daher, daß keine erfolgversprechenden Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung standen bzw. daß sich die Zwangssymptomatik als mit den herkömmlichen Methoden nur schwer behandelbar erwies.

 

In den letzten Jahren jedoch hat sich ein Wandel im Umgang mit der Zwangsstörung vollzogen; das ehemalige „Stiefkind“ unter den neurotischen Störungen ist verstärkt  ins Blickfeld gerückt. Dies zeigt sich eindrucksvoll bei Betrachtung der in den 90er Jahren gehäuft erschienenen deutschsprachigen Monographien zum Thema Zwangsstörungen (Reinecker, 1991: „Zwänge: Diagnose, Therapie und Behandlung“; Süllwold et al., 1994: „Zwangskrankheiten: Psychobiologie, Verhaltenstherapie, Pharmakotherapie“; Nissen (Hrsg.), 1996: „Zwangserkrankungen: Prävention und Therapie“, Ambühl (Hrsg.), 1998: „Psychotherapie der Zwangsstörungen“) wie auch  der Sonderhefte von Zeitschriften aus dem psychiatrisch-psychotherapeutischen Bereich, welche sich der Zwangssymptomatik widmeten (z.B. „Psycho“-Sonderausgabe „Zwangsstörungen“, 1998). Ebenfalls in den 90er Jahren auf den Markt gekommen sind zahlreiche Bücher zur Selbsthilfe bei Zwangsstörungen (z.B. Hoffmann, 1990: „Wenn Zwänge das Leben einengen“, Baer, 1993: „Alles unter Kontrolle? Zwangsgedanken und Zwangshandlungen überwinden“). 1995 wurde die Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen mit Sitz in Osnabrück gegründet, welche 1999 ihren ersten internationalen Kongreß zu Zwangsstörungen veranstaltet.

 

Mittlerweile ist bekannt, daß behandlungsbedürftige Zwänge wesentlich häufiger vorkommen, als früher angenommen. Die Lebenszeitprävalenz für dieses Krankheitsbild beträgt mindestens 2-3%, wobei das Ersterkrankungsalter relativ niedrig liegt. Meistens beginnt die Störung im Pubertätsalter (12-14 Jahre) oder in den ersten Jahren des dritten Lebensjahrzehnts (20-22 Jahre). Unbehandelt stellen chronische Verläufe eher die Regel als die Ausnahme dar.

 

Es ist davon auszugehen, daß lediglich ein kleiner Prozentsatz der Betroffenen therapeutische Hilfe erhält. Zum einen scheuen sich die Betroffenen häufig, sich jemandem anzuvertrauen, da sie ob ihrer bizarr anmutenden Symptomatik viel Scham verspüren oder weil sie glauben, es handele sich bei der Symptomatik um einen „Spleen“, und nicht wissen, daß eine psychische Erkrankung vorliegt. Zum anderen ist die Anzahl von Therapeuten, die Zwangsstörungen behandeln, noch relativ niedrig.

 

Mit der Erkenntnis, daß die Zwangsstörung zu den häufigsten psychischen Störungen gehört, und mit dem Grad der Aufklärung der Allgemeinbevölkerung über dieses Krankheitsbild ist das Bemühen um geeignete Therapiemethoden enorm angestiegen. Als relativ erfolgversprechend zur Behandlung von Zwangsstörungen gelten zum gegenwärtigen Zeitpunkt Methoden der Verhaltenstherapie (Expositionsbehandlung, kognitive Therapie) wie auch die pharmakologische Behandlung mit Antidepressiva vom Typ (selektive) Serotoninrückaufnahmehemmer.

 

Psychiater und Psychologen haben über den alltäglichen Umgang mit Zwangspatienten ein beträchtliches Maß an Wissen über das Wesen von Zwangsstörungen erworben und ihre Erfahrungen in der entsprechenden Literatur (s.o.) zum Ausdruck gebracht. Beispielsweise werden Zwangspatienten folgende Merkmale zugeschrieben: Perfektionismus, Unterdrücken von Ärgeraffekten, Risikovermeidung, Sicherheitsstreben, Schuldbewußtsein, Fokussierung der Aufmerksamkeit auf Details. Die Zwangsstörung wird u.a. auf prägende Erlebnisse und Erfahrungen mit Bezugspersonen in Kindheit und Jugend zurückgeführt.

 

Bislang haben sich, vor allem in Deutschland, primär Psychotherapeuten mit Zwangsstörungen beschäftigt, wobei die Veränderung der problematischen Verhaltensweisen wie auch die Evaluation entsprechender therapeutischer Bemühungen im Mittelpunkt des Interesses gestanden haben. Wie die Zwangsstörung entsteht bzw. welches die Voraussetzungen für die Entstehung der Störung darstellen, ist bisher von untergeordneter Bedeutung gewesen. Darüber hinaus fehlen empirische Belege für die aus dem klinischen Alltag stammenden, in der o.g. Literatur dargelegten Aussagen über das Wesen der Zwangsstörung.

 

Ein im Arbeitsbereich Klinische Psychologie angesiedelter Forschungsschwerpunkt hat sich u.a. die empirische Prüfung von Hypothesen über das Wesen und die psychologischen Hintergründe der Zwangsstörung zum Ziel gesetzt. Mehrere Stichproben von Menschen mit Zwangsstörungen sollen im Rahmen des Forschungsvorhabens mittels standardisierter und zusätzlicher neukonstruierter Fragebogen auf die für Zwangsstörungen vermeintlich typischen Merkmale untersucht und die Ergebnisse mit zwei Kontrollgruppen (eine Stichprobe „Normaler“ sowie eine Stichprobe von Menschen mit anderen neurotischen Störungen) verglichen werden. Von besonderem Interesse ist dabei auch die Frage nach Merkmalsunterschieden zwischen den einzelnen Formen der Zwangsstörung (z.B. Wasch- vs. Kontroll- vs. Ordnungszwang). Als Beitrag zur weiteren Klärung der Frage nach einem neurobiologischen Substrat der Zwangsstörung ist in Kooperation mit der Abteilung für Neuroradiologie geplant, einen Teil der Probanden zusätzlich mittels bildgebender Verfahren zu untersuchen.

 

Zusätzliche Studien zu weiteren Fragestellungen (beispielsweise zum Zusammenhang zwischen dem familiären Hintergrund bzw. dem Auftreten kritischer Lebensereignisse einerseits und der Entstehung von Zwangsstörungen andererseits) sind geplant. 

Mitarbeiter: A. Liebler, U. Hartmann

 

2. Weitere Forschungsschwerpunkte:

 

1.      Psychogene Impotenz: Untersuchung des neurobiologischen und pathophysiologischen Substrats psychogener erektiler Dysfunktionen durch Bestimmung cavernöser Neurotransmitter und Neuropeptide bei gesunden Probanden und erektionsgestörten Patienten. Interdisziplinäres Projekt der Klinischen Psychologie, Abt. für Urologie, Abt. für Nuklearmedizin, Abt. für Klinische Pharmakologie und weiterer Abteilungen der MHH (Prof. Dr. U. Hartmann, Dr. A. Becker, Dr. S. Ückert, cand.med. S. Schütze, Prof. Dr. C.G. Stief).

 

2.      Der Einfluß sexueller Abstinenz auf psychologische und neuroendokrine Parameter sexueller Erregung bei Männern (Prof. Dr. U. Hartmann, cand.med. N. Bursch, cand.med. T. Krüger).

 

3.      Zufrieden ohne Sexualität. Untersuchung gewollt sexuell inaktiver Ehepaare (Prof. Dr. U. Hartmann, Dipl.-Psych. K. Meyer-Krems).

 

4.      Psycho-Neuro-Endokrinologie der sexuellen Reaktion. In einer Reihe aufeinander aufbauender Laborstudien sollen die zentral und peripher ablaufenden psychologischen und neuroendokrinen Prozesse während sexueller Erregung und beim Orgasmus untersucht werden. Nach zwei bereits abgeschlossenen Studien an Männern und Frauen wird das Paradigma derzeit auf Paare angewendet. Mitarbeiter: U. Hartmann, M. Schedlowski, M. Exton (Medizinische Psychologie, Uni-Klinik Essen), T. Krüger, E. Paulson, M. Koch, C. Pawlak (Medizinische Psychologie MHH), A. von zur Mühlen (Endokrinologie MHH), F. Scheller (Nuklearmedizin MHH).

 

5.      Appetenzstörungen bei Frauen. Analyse zur Verursachung und Behandlung (Dr. K. Heiser, Prof. Dr. U. Hartmann, Dipl.-Psych. G. Kloth).

 

6.      Studien zur Überprüfung der Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit von Sildenafil (Viagra) bei prä- und postmenopausalen Frauen mit sexueller Dysfunktion. Mitarbeiter: Prof. Dr. U. Hartmann, Dr. C. Rüffer-Hesse, Dr. K. Heiser, Dipl.-Psych. G. Kloth, Förderung: Industrie.

 

7.      Die Langzeitwirkung stationärer Gruppenpsychotherapie. Befindlichkeit und Symptomatik ½ und 1 Jahr nach Behandlungsabschluß. Mitarbeiter: Prof. Dr. U. Hartmann, W. Gluch, Dr. A. Liebler.

 

8.      Prognostische Bedeutung von Bindungscharakteristika bei Erwachsenen für den Behandlungserfolg nach stationärer Gruppenpsychotherapie. Im Rahmen einer multizentrisch organisierten, naturalistischen Psychotherapiestudie erfolgen neben einer standardisierten Eingangs- und Abschlußdiagnostik zur Evaluation des Behandlungsergebnisses unmittelbar nach der stationären Aufnahme der Patient(inn)en semistrukturierte Interviews, auf deren Basis ein Prototypenrating von Bindungsstilen vorgenommen wird. Darüber hinaus werden alle Patient(inn)en schriftlich zu ihren Beziehungserwartungen gegenüber den Therapeut(inn)en befragt. Es sollen Hypothesen zum Zusammenhang zwischen Bindungscharakteristika, Beziehungserwartungen und dem Prozeß bzw. Ergebnis der stationären Gruppenbehandlung überprüft werden.Mitarbeiter: Prof. Dr. U. Hartmann, Dr. A. Liebler

 

9.      Entspannungstechnik im Vergleich. Weiterführung der Untersuchung über die vergleichende Beurteilung von verschiedenen Entspannungsverfahren anhand psychophysiologischer Parameter und Selbsteinschätzung der Probanden (Dr. R. Schmidt, Dipl.-Psych. F. R. Flössel).

 

10.  Biofeedback im verhaltenstherapeutischen Behandlungsverlauf: Weiterentwicklung und Erprobung automatisierter Anwendungs- und Aufzeichnungsverfahren für Therapiesitzung und Selbstanwendung (Dr. R. Schmidt, N.N.)

 

3.    Publikationen

 

3.1  Originalarbeiten:

1.      Becker, A.J., Stief, C.G., Machtens, S., Schultheiss, D., Hartmann, U., Truss, M.C., Jonas, U. (1998): Oral phentolamine as treatment for erectile dysfunction. Journal of Urology: 159, 1214 – 1216.

 

2.      Krüger, T., Exton, M.S., Pawlak, C., von zur Mühlen, A., Hartmann, U., Schedlowski, M. (1998): Neuroendocrine and cardiovascular response to sexual arousal and orgasm in men. Psychoneuroendocrinology: 23, 401 - 411.

 

3.      Hartmann, U. (1998): Männer als Patienten in der Sexualtherapie. Sexuologie: 5, 1- 10.

 

4.      Hartmann, U. (1998): Psychische Belastungsfaktoren bei erektilen Dysfunktionen: Verursachungsmodelle und empirische Ergebnisse. Urologe [A]: 37, 487 - 494.

 

3.2  Review-Artikel:

1.         Hartmann, U. (1998): Erektile Dysfunktionen: Psychologische Aspekte in Verursachung, Diagnostik und Therapie. Therapeutische Umschau: 55, 352 - 356.

 

2.         Liebler, A., Emrich, H.M. (1998): Panikattacken. Psychopraxis: 4, 19-26

 

3.3  Bücher und Buchbeiträge:

1.         Hartmann, U.: Störungen der psychosexuellen Funktionen. In: Krause, W., Weidner, W. (Hrsg.): Andrologie. Stuttgart: Enke, 3. Aufl., 1998.

 

Publizierte Abstracts: 5

 

Dissertationen:

 Tillmann Krüger: Neuroendokrine und kardiovaskuläre Effekte sexueller Aktivität bei Männern.