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Forschungsbericht 1997

 

Arbeitsbereich Klinische Psychologie

 Leiter: Prof. Dr. Dipl.-Psych. Uwe Hartmann

 

1. Forschungsschwerpunkt:

 

Psycho-Neuro-Endokrinologie der sexuellen Reaktion

 

In den 60er-Jahren veröffentlichte das amerikanische Forscherpaar Masters & Johnson seine seinerzeit bahnbrechende Studie zur sexuellen Reaktion des Menschen (‚Human sexual response‘). Erstmals wurden dabei unter kontrollierten Bedingungen die physiologischen Vorgänge bei sexueller Erregung und beim Orgasmus bei Frauen und Männern untersucht und als Ergebnis ein aus vier Phasen bestehender Zyklus der sexuellen Reaktion postuliert (Erregungs-, Plateau-, Orgasmus- und Rückbildungsphase). Auf der Basis ihrer Untersuchungen entwickelten Masters & Johnson danach einen therapeutischen Ansatz zur Behandlung sexueller Funktionsstörungen, der zum ersten Mal zufriedenstellende Erfolgsquoten bei diesen so häufigen Störungsbildern möglich machte und mit bestimmten Modifikationen und Erweiterungen bis heute die Standardtherapie geblieben ist.

 

Die Erforschung der Psychobiologie der menschlichen Sexualreaktionen wurde nach Masters & Johnson zwar fortgeführt, hat jedoch zu vielen inkonsistenten Befunden geführt und ist bis heute mit zahlreichen methodischen und sachlichen Problemen behaftet. Den Ergebnissen dieser Forschungen sowie tierexperimentellen Studien läßt sich entnehmen, daß die sexuellen Reaktionen in eine appetitive Phase (sexuelles Verlangen, frühe Stadien sexueller Erregung) und eine konsumatorische Phase (hohe Phasen sexueller Erregung, Orgasmus) unterteilt werden können, die von zum Teil gegenläufigen Prozessen in den beteiligten Transmittersystemen gesteuert werden. Im Gehirn scheint es nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand nicht ein „Sexzentrum“ zu geben, sondern zahlreiche Strukturen sind an den komplexen Regelungsvorgängen beteiligt. Die Effekte sexueller Erregung auf cardiovaskuläre Reaktionen sind relativ gut erforscht und konsistent, während die Effekte auf die Katecholamine, Hypophysenhormone und Sexualsteroide in den vorliegenden Studien uneinheitlich oder gar widersprüchlich waren.

 

Im Arbeitsbereich Klinische Psychologie besteht seit mehr als 20 Jahren ein Forschungsschwerpunkt in den Feldern Sexualforschung und Sexualmedizin, der zu einer Reihe wissenschaftlicher und therapeutischer Initiativen auf allen Bereichen sexueller Störungen, in den letzten Jahren vorwiegend im Bereich sexueller Funktionsstörungen, geführt hat. Die Zusammenarbeit mit einer auf dem Gebiet der Psychoneuroimmunologie etablierten und produktiven Forschergruppe hat es jetzt möglich gemacht, die klinisch-therapeutischen Forschungsvorhaben um eher grundlagenorientierte Studien zur Psychoendokrinologie der sexuellen Reaktionen zu ergänzen.

 

In einer Reihe aufeinander aufbauender Laborstudien sollen dabei die zentral und peripher ablaufenden psychologischen und neuroendokrinen Prozesse während sexueller Erregung und beim Orgasmus untersucht werden. In einem ersten Schritt wurden dazu in zwei bereits abgeschlossenen Studien psychologische, psychophysiologische und neuroendokrine Parameter unter identischen Versuchsbedingungen an jeweils einer Stichprobe gesunder weiblicher und männlicher Probanden untersucht. Mit Hilfe einer etablierten Methode zur kontinuierlichen Blutentnahme wurden während sexueller Erregung und Orgasmus die Plasma-Konzentrationen von Adrenalin, Noradrenalin, Cortisol, Prolactin, Wachstumshormon, FSH, LH, b-Endorphin und Testosteron jeweils unter sexuellen Erregungs- (visuelle Stimulaton) und Kontrollbedingungen gemessen.

 

Die Ergebnisse der Studie an Männern (Krüger et al., in press) zeigte signifikante Erhöhungen der cardiovaskulären Parameter (Blutdruck, Herzfrequenz) sowie für das Nordadrenalin und Prolaktin unter hoher sexueller Erregung und Orgasmus. In den anderen Parametern ergaben sich – bei signifikant höherer Erregung unter visueller Stimulation – vereinzelte Unterschiede zwischen den Versuchsbedingungen, aber keine signifikanten Effekte über die Zeit. Eine erste Analyse der Interkorrelationen der untersuchten Parameter ließ noch kein konsistentes Beziehungsmuster erkennen.

 

In einer weiteren Studie werden gegenwärtig die Auswirkungen einer dreiwöchigen sexuellen Abstinenz auf die verschiedenen Parameter untersucht. In weiteren Studien sollen – teils am Uni-Klinikum Essen, teils an der MHH – Referenzwerte an größeren Stichproben erhoben werden und der Verlauf der Parameter bei Patienten und Patientinnen mit sexuellen Störungen erhoben werden. Darüber hinaus ist geplant, mit Hilfe von bildgebenden Verfahren die Kenntnisse über die Korrelate sexueller reaktionen im ZNS zu gewinnen. 

 

Literatur: Krüger, T., Exton, M.S., Pawlak, C., von zur Mühlen, A., Hartmann, U., Schedlowski, M.: Neuroendocrine and cardiovascular response to sexual arousal and orgasm in men. Psychoneuroendocrinology, in press.

Mitarbeiter: U. Hartmann, M. Schedlowski, (Medizinische Psychologie, Uni-Klinik Essen), T. Krüger, A. Bindert, M. Exton (Medizinische Psychologie MHH), C. Pawlak (Medizinische Psychologie MHH), A. von zur Mühlen (Endokrinologie MHH), J. Haindl (Nuklearmedizin MHH).

 

2. Weitere Forschungsschwerpunkte:

 

1.   Prädiktoren der Therapiezufriedenheit in der stationären Psychotherapie. Beteiligte Wissenschaftler: Dr. A. Liebler, Prof. Dr. U. Hartmann, cand.med. J. Strobach.

 

2.     Appetenzstörungen bei Frauen. Analyse der Theorien zur Verursachung und Behandlung. (Dr. K. Heiser, Prof. Dr. U. Hartmann).

 

3.     Studien zur Überprüfung der Wirksamkeit und Verträglichkeit eines neuen Medikaments (PDE-V-Hemmer) zur Behandlung erektiler Dysfunktionen. (Prof. Dr. U. Hartmann, Dr. C. Rüffer-Hesse, Dr. K. Heiser, Dipl.-Psych. G. Kloth, Prof. Dr. med. H. M. Emrich). Förderung: Industrie.

 

4.     Patienten mit Störungen der Geschlechtsidentität: Eine prospektive Studie zur Differential­diagnose, Persönlichkeitsstruktur und Psychopathologie. Bei einzelnen Patienten gutachterliche Prüfung der Voraussetzungen zur Vornamens-/Personenstandsänderung nach dem Transsexuellengesetz (Prof. Dr. U. Hartmann, Dr. H. Becker).

 

5.     Psychogene Impotenz: Untersuchung des neurobiologischen und pathophysiologischen Substrats psychogener erektiler Dysfunktionen durch Bestimmung cavernöser Neurotransmitter und Neuropeptide bei gesunden Probanden und erektionsgestörten Patienten. Interdisziplinäres Projekt der Klinischen Psychologie, Abt. für Urologie, Abt. für Nuklearmedizin, Abt. für Klinische Pharmakologie und weiterer Abteilungen der MHH (Prof. Dr. U. Hartmann, Dr. A. Becker, Dr. S. Ückert, cand.med. S. Schütze, Prof. Dr. C.G. Stief).

 

6.     Der Einfluß sexueller Abstinenz auf psycholgische und neuroendokrine Parameter sexueller Erregung bei Männern (Prof. U. Hartmann, cand.med. Bursch, cand.med. T. Krüger).

 

7.     Zufrieden ohne Sexualität. Untersuchung gewollt sexuell inaktiver Ehepaare (Prof. Dr. U. Hartmann, Dipl.-Psych. K. Meyer-Krems).

 

8.     Forschungsschwerpunkt Zwangsstörung: Psychodynamische, kognitiv-motivationale und neurobiologische Grundlagen der Zwangsstörung. Anhand einer größeren Patientenstichprobe soll die Bedeutung von Schuld- und Verantwortlichkeitserleben bei Entstehung und Aufrechterhaltung von Zwangsgedanken und Zwangshandlungen geklärt und mittels bildgebender Verfahren die Gültigkeit eines neuroethologischen Modells der Zwangsstörung geprüft werden. Des weiteren wird der Frage nachgegangen, ob sich Patienten, die verschiedenen Zwangstypen (z.B. Zwangsgedanken vs. Zwangshandlungen, Ordnungs- vs. Kontrollzwang) zugeordnet werden können, über die Symptomatik hinaus voneinander unterscheiden.

 

9.     Psychische Befindlichkeit und Erkennungsprozeß. Weiterführung der Untersuchung zur Korrelation von psychischer Befindlichkeit und visuellem Wahrnehmungs- und Erkennungsprozeß (Dr. R. Schmidt).

 

10. Entspannungstechnik im Vergleich. Weiterführung der Untersuchung über die vergleichende Beurteilung von verschiedenen Entspannungsverfahren anhand psychophysiologischer Parameter und Selbsteinschätzung der Probanden (Dr. R. Schmidt, Dipl.-Psych. F. R. Flössel).

 

11. Biofeedback im verhaltenstherapeutischen Behandlungsverlauf: Weiterentwicklung und Erprobung automatisierter Anwendungs- und Aufzeichnungsverfahren für Therapiesitzung und Selbstanwendung (Dr. R. Schmidt, N.N.)   

 

3.    Publikationen

 

3.1  Originalarbeiten:

1.      Becker, H., Hartmann, U. (1997): Genitale Selbstverletzung: Phänomenologische und differentialdiagnostische Überlegungen aus psychiatrischer Sicht. Fortschritte der Neurologie – Psychiatrie: 65, 71 – 78.

 

2.      Hartmann, U. (1997): Psychological subtypes of psychogenic erectile dysfunctions. Results of statistical analyses and clinical practice. World Journal of Urology: 15, 56 – 64.  IF=1,285

 

3.      Becker, S., Bosinski, H.A.G., Clement, U., Eicher, W., Goerlich, T.M., Hartmann, U., Kockott, G., Langer, D., Preuss, W.F., Schmidt, G., Springer, A., Wille, R. (1997): Standards der Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen. Zeitschrift für Sexualforschung: 10, 147 – 156.

 

4.      Hartmann, U., Becker, H., Rüffer-Hesse, C. (1997): Self and Gender: Narcissistic Pathology and Personality Factors ind Gender Dysphoric Patients. Preliminary results of a prospective study. International Journal of Transgenderism: I, 1, http://www.symposium.com/ijt/ijtc0103.htm.

 

5.      Langer, D., Hartmann, U. (1997): Psychiatrische Begutachtung nach dem Transsexuellengesetz: Ein erfahrungsgestütztes Plädoyer für Leitlinien und gegen Beliebigkeit. Nervenarzt: 68, 862 - 869.  IF=0,569

 

3.2  Bücher und Buchbeiträge:

1.      Stief, C.G., Hartmann, U., Höfner, K., Jonas, U. (Hrsg.): Erektile Dysfunktion. Diagnostik und Therapie. Berlin: Springer 1997.

 

2.      Hartmann, U. (1997): Symptomatologie und Epidemiologie erektiler Dysfunktionen. In: Stief, C.G., Hartmann, U., Höfner, K., Jonas, U. (Hrsg.): Erektile Dysfunktion. Diagnostik und Therapie. Berlin: Springer.

 

3.      Stief, C.G., Hartmann, U. (1997): Therapieoptionen: Praktisches Vorgehen und kritische Wertung. In: Stief, C.G., Hartmann, U., Höfner, K., Jonas, U. (Hrsg.): Erektile Dysfunktion. Diagnostik und Therapie. Berlin: Springer.

 

4.      Hartmann, U. (1997): Sexualberatung und Sexualtherapie bei erektilen Dysfunktionen. In: Stief, C.G., Hartmann, U., Höfner, K., Jonas, U. (Hrsg.): Erektile Dysfunktion. Diagnostik und Therapie. Berlin: Springer.

 

5.      Stief, C.G., Hartmann, U. (1997): Diagnostik: Praktisches Vorgehen und kritische Wertung. In: Stief, C.G., Hartmann, U., Höfner, K., Jonas, U. (Hrsg.): Erektile Dysfunktion. Diagnostik und Therapie. Berlin: Springer.

 

6.      Hartmann, U. (1997): Psychologische Diagnostik und Sexualanamnese. In: Stief, C.G., Hartmann, U., Höfner, K., Jonas, U. (Hrsg.): Erektile Dysfunktion. Diagnostik und Therapie. Berlin: Springer.

 

7.      Hartmann, U. (1997): Grundlagen der Entstehung psychogener Erektionsstörungen. In: Stief, C.G., Hartmann, U., Höfner, K., Jonas, U. (Hrsg.): Erektile Dysfunktion. Diagnostik und Therapie. Berlin: Springer.

 

8.      Heiser, K. (1997): Integrative Diagnostik und Therapie der erektilen Dysfunktion. In: Wiegand, M.H. & Kockott, G. (Hrsg.): Partnerschaft und Sexualität im höheren Lebensalter. Wien/New York: Springer.