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Forschungsbericht 1995

 

Arbeitsbereich Klinische Psychologie

Zentrum Psychologische Medizin

Leiter: Prof. Dr. Dipl.-Psych. Armin Kuhr

 

A: Forschungsschwerpunkt:

 

Entwicklung von Kriterien für die Qualitätskontrolle ambulanter und stationärer Psychotherapie unter Nutzung psychometrischer Methoden

 

Im allgemeinen bezieht sich der Begriff der Qualitätskontrolle auf drei Ebenen: Struktur­qualität, Prozeßqualität und Ergebnisqualität. Im Kontext von Psychotherapie versteht man unter der Strukturqualität die Rahmenbedingungen, innerhalb derer Psychotherapie stattfindet (z.B. Ausstattung der Institutionen mit Räumlichkeiten, Ausbildung der Psychotherapeuten). Prozeßqualität erfaßt die Art und Weise, wie Psychotherapie faktisch abläuft, z.B. die Ent­wicklung des Verhält­nisses von Klient und Therapeut im Verlauf der Therapie. Die Ergebnis­qualität umfaßt die Bemühungen um der Messung der Effektivität von Psychotherapie (bedeutsame Verän­derungen im Erleben und Verhalten der Patienten).

 

Die Kontrolle der Qualität psychotherapeutischer Arbeit beginnt mit einer Bestands­aufnahme der faktisch durchgeführten Psychotherapie, ihrem Rahmen, der Art der Durchführung und ihren Ergebnissen. Werden in diesem ersten Schritt schon Mängel sichtbar, müssen diese analy­siert und beseitigt werden. Therapiedurchführung wie -ergebnisse werden im Optimalfall an vorliegenden Standards bzw. Normen gemessen. Diese sind im Bereich der Psychotherapie zumindest für einige Störungsformen entwickelt, wobei ein Teil des hier vorgestellten Projekts dazu dienen soll, die Datenbasis für die entsprechende „Normenentwicklung“ zu verbreitern. Unter welchen Umständen kann eine Therapie als erfolgreich ab­geschlossen gelten, wie ist dieser Erfolg zu messen? Diese Frage ist nicht nur für Patienten und Therapeuten von Bedeu­tung, sondern sie wird zunehmend auch durch die Kostenträger gestellt (Kosten-Nutzen-Problem).

 

Vor diesem Hintergrund wurden im Jahre 1995 erste Schritte zur Etablierung qualitäts­sichernder Maßnahmen im Kontext stationärer Psychotherapie initiiert. Wir erheben seither systematisch Therapie-relevate Daten und fassen sie in einer EDV-gestützten Datenbank zusammen. Neben der Basisdokumentation (Grunddaten aus den Patientenakten) geben wir eine Reihe von Fragebogen zur Messung der Ausgangslage und der therapeutischen Verän­derungen vor. Einge­setzt werden teils standardisierte, klinisch relevante Inventare, die das Befinden und die Sym­ptomatik der Patienten erfassen (z.B. Symptomcheck-Liste SCL-90-R, Unsicherheitsfrage­bogen, Emotionalitätsinventar), zum anderen selbst entwickelte Fragebogen zur subjektiven Einschätzung des Therapieverlaufes und -erfolges. Die Ergebnisse der Vortests (bei Aufname) bieten Hilfe bei der diagnostischen Einordnung wie der Therapieplanung. Der Vergleich der Testergebnisse bei Entlassung mit denen der Aufnahme gibt (Teil-)Auskunft über die mit der Therapie erzielten Veränderungen. Die langfristige Stabilität der Therapieeffekte soll mit zwei Nacherhebungen (follow-up) 6 und 12 Monate nach Therapieende gemessen werden.

 

Therapiezufriedenheit gilt als wichtiges Qualitätsmerkmal, daher werden alle Patienten am Entlassungstage gebeten, rückblickend die Therapie zu bewerten. Parallel dazu erfolgt (blind) eine analoge Einschätzung durch die Bezugstherapeuten. Diese Daten sollen Aufschluß dar­über geben, wie stark sich Patienten- und Therapeuten-Einschätzung des Therapieerfolges bzw. -mißerfolges gleichen. Darüber hinaus werden die individuellen und standardisierten Veränderungsmaße mit Daten aus der Basisdokumentation in Beziehung gesetzt. Damit lassen sich Aussagen über Zusammenhänge zwischen Patientenmerkmalen (z.B. Alter, Geschlecht, Vor­behandlung), Merkmalen des Therapieprozesses (z.B. Therapiedauer, Therapeuten­konstella­tion, Medikation) und der Therapiezufriedenheit der Patienten oder der Therapeuten im Sinne einer ersten Bestandsaufnahme miteinander verknüpfen. Wir erhoffen uns daraus die Möglich­keit, empirisch abgeleitete Hypothesen für die weitere Psychotherapie­forschung zu formu­lieren. 

 

Die bisher erhobene Datenbasis reicht noch nicht aus, differenzierte Aussagen über die Zusammenhänge zwischen Patienten- und Therapeutenmerkmalen einerseits und den mit der Psychotherapie erzielbaren Veränderungen andererseits zu machen. Dennoch streben wir an, bald erste Antworten auf die Frage zu haben, bei welchen Störungsbildern das auf der Station 52 etablierte therapeutische Konzept der integrativen Psychotherapie besonders effektiv ist.

 

Zur Verbesserung der konkreten therapeutischen Arbeit ist für das Jahr 1996 die zusätzliche Erhebung Therapieprozeß-bezogener Daten vorgesehen.

Beteiligte Wissenschaftler: Prof. Dr. A. Kuhr, Dr. A. Liebler.

 

B. Weitere Forschungsschwerpunkte:

 

1.     Angst und Sexualität: Untersuchungen zur Schnittstelle von sexueller Erregung/Orgasmus und Angst bei Patienten mit Panik­störung/Agoraphobie (Prof. Dr. A. Kuhr, PD Dr. U. Hartmann, cand. med. B. Mazur).

 

2.     Psychotherapeutische Ausbildung - ihre Weiterentwicklung in Relation zum Stand der Psychotherapieforschung (Prof. Dr. A. Kuhr).

 

3.     Die interpersonelle Psychotherapie bei der Behandlung der Depression (Prof. Dr. A. Kuhr).

 

4.     Appetenzstörungen bei Frauen. Analyse der Theorien zur Verursachung und Behandlung. Testpsychologische Untersuchung von appetenzgestörten Patientinnen vor und nach einer Gruppenpsychotherapie. (Dr. K. Heiser).

 

5.     Appetenzstörungen in der Partnerschaft. Untersuchung von Veränderungen in Paarbeziehungen im Zusammenhang zu Problemen der sexuellen Appetenz (PD Dr. U. Hartmann, Dr. K. Heiser, cand.med. F. Trienekens).

 

6.     Weiterführung, Modifikation und wissenschaftliche Evaluation der multidisziplinären Spezialsprechstunde mit der urolo­gischen Klinik der MHH (PD Dr. U. Hartmann, Dr. K. Heiser).

 

7.     Multizentrische Doppelblindstudie zur Überprüfung der Wirksamkeit und Verträglichkeit eines neuen Medikaments (PDE-V-Hemmer) zur Behandlung erektiler Dysfunktionen. (PD Dr. U. Hartmann, Dr. C. Rüffer-Hesse, Dr. K. Heiser, Prof. Dr.med. H.M. Emrich).

 

8.     Patienten mit Störungen der Geschlechtsidentität: Eine prospektive Studie zur Differential­diagnose, Persönlichkeitsstruktur und Psychopathologie. Bei einzelnen Patienten gutachterliche Prüfung der Voraussetzungen zur Vornamens-/Personenstandsänderung nach dem Transsexuellengesetz (PD Dr. U. Hartmann, Dr. H. Becker, Dr. C. Rüffer-Hesse).

 

9.     Psychogene Impotenz: Untersuchung des neurobiologischen und pathophysiologischen Substrats psychogener erektiler Dysfunktionen durch Bestimmung cavernöser Neurotransmitter und Neuropeptide bei gesunden Probanden und erektionsgestörten Patienten. Interdisziplinäres Projekt der Klinischen Psychologie, der Abt. für Urologie und weiterer Abteilungen der MHH (PD Dr. U. Hartmann, Dr. A. Becker, Dr. S. Ückert).

 

10. Psychische Befindlichkeit und Erkennungsprozeß. Die Beziehung zwischen psychischer Befindlichkeit und Erkennen soll mit Hilfe eines in Morphing-Sequenzen stufenweise veränderten Bildmaterials unterschiedlicher subjektiver Vertrautheit untersucht werden. Erfaßt werden zeitlicher Verlauf, Dauer und benötigte Informationsmenge bis zum Entscheid über das Erkennen bzw. Nichterkennen des Zielbildes. Untersucht werden Gesunde und Personen mit unterschiedlichen psychiatrischen Krankheitsbildern (Dr. R. Schmidt).

 

C. Publikationen:

 

Hartmann, U. & Uhlemann, H. (1995): Phänomenologische und psychophysiologische Merkmale der Ejaculatio praecox: Ergebnisse einer empirischen Vergleichsstudie. Sexuologie: 2, 131 - 147.

 

Hartmann, U. (1995): Die kombinierte psycho-somatische Behandlung erektiler Dysfunktionen. Psycho: 21, 651 - 657.

 

D. Vorträge mit gedrucktem Abstract:

 

Becker, H., Hartmann, U.: Psychiatric aspects of genital self-mutilation. Vortrag auf dem XIIth. World Congress for Sexology, Japan, 1995. Abstractveröffentlichung in Excerpta Medica Int. Congress Series 1095, Amsterdam, Elsevier Science.

 

Becker, H., Hartmann, U.: On the need for differential diagnostic considerations of gender identity disorders in psychiatric practice. Vortrag auf dem XIIth. World Congress for Sexology, Japan, 1995. Abstractveröffentlichung in Excerpta Medica Int. Congress Series 1095, Amsterdam, Elsevier Science.

 

E. Abgeschlossene Promotionsarbeiten:

 

Mazur, B.: Angst und Sexualität. Eine Studie über Frauen mit Paniksyndrom.