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Chronische Schmerzen

 

Der Schmerz selbst kann zu einer Erkrankung werden, obwohl eine erkennbare körperliche Ursache nicht oder nicht mehr vorhanden ist. Ein großer Teil dieser Schmerzsyndrome lässt sich wie man heute weiß auf sogenannte neuroplastische Veränderungen im Nervensystem zurückführen. Dabei durchlaufen darauf spezialisierte Nervenzellen einen Lernprozess ähnlich denjenigen Veränderungen in Nervenzellen, die bei Lernvorgängen aktiv sind (Langzeitpotenzierung). Vorher wenig oder nicht schmerzhafte Reize werden dann durch die veränderte Informationsverarbeitung der jetzt empfindlicher reagierenden Nervenzellen als Schmerz wahrgenommen (Schmerzgedächtnis). Solche Sensibilisierungsvorgänge können dabei von der Peripherie bis zum Zentralnervensystem reichen und sind häufig mit dysfunktionalen Veränderungen auch in anderen körpereigenen Netzwerken verbunden, wie etwa im vegetativen Nervensystem und im Immunsystem. Faktoren, die solche neurobiologischen Mechanismen in Gang setzen können, sind lang anhaltende Schmerzreize, starke Schmerzintensitäten und Nervenverletzungen, und auf der Seite der Betroffenen eine Mangel- oder Fehlfunktion des körpereigenen Schmerzabwehrsystems, dessen Funktionsfähigkeit nicht nur genetisch bestimmt ist, sondern auch von individuellen körperlichen und psychischen Entwicklungsprozessen abhängig ist. Die auf diese Weise sich einmal „eingebrannten“ chronischen Schmerzen erfassen dann häufig die gesamte betroffene Person mit weitreichenden psychosozialen Konsequenzen (z.B. Arbeitsplatzverlust, Vereinsamung, Depression). Für eine erfolgreiche Behandlung einer solchen Situation müssen die durch das cartesianische Denken aufgeworfenen Gräben und Hindernisse überwunden werden, denn „die Seele atmet durch den Körper, und Leiden findet im Fleisch statt, egal, ob es in der Haut oder in der Vorstellung beginnt“ (António R. Damásio).

In diesem Kontext findet auch die Komplementärmedizin, namentlich die Akupunktur, ihre Bedeutung, offenbart sich ihr unbestreitbarer Erfolg doch als Ausdruck neuroplastisch begründeter Veränderungen durch Einfluss auf komplexe Regelkreise, in die auch das, was über sie gedacht wird, mit eingebunden ist. So ist ein biopsychosozialer Weg aufgezeigt, wie mit dem Problem „chronischer Schmerzen“ umgegangen werden kann, mit dem die moderne klinische Medizin seit ihrer Entstehung vor 200 Jahren ringt, ein Weg, der die tiefenpsychologisch und verhaltenspsychologisch orientierten Denk- und Handlungsweisen mit den neurobiologischen und (psycho-)pharmakologischen Erkenntnissen komplex miteinander verschränkt.