
Die meisten Herzoperationen müssen unter Einsatz einer Herz-Lungen-Maschine (HLM) durchgeführt werden. Die HLM oder auch extrakorporale Zirkulation genannt, übernimmt während der Herzoperation die Funktion von Herz und Lunge. Kardiotechniker bedienen diese Maschine, überwachen die Sauerstoffzufuhr und regeln Blutfluß und Körpertemperatur. Die herkömmlichen HLM Systeme haben einen komplexen Aufbau mit mehreren Rollerpumpen und Schlauchkreisläufen, Saugsystemen, einem Wärmetauscher und einem Blutauffangbehälter (Reservoir). Es besteht eine erhebliche Fremdoberfläche, die während der Operation mit Patientenblut in Kontakt kommt, wodurch eine Entzündungsreaktion des Körpers entsteht, die zu einer Kreislaufinstabilität und einem verzögerten Heilungsverlauf nach der Operation führen kann. Ausserdem kommt es an den Kunsstoffschläuchen zu einer Schädigung des Blutes, vorallem der Blutplättchen, wodurch eine grössere Blutungsneigung während und nach der Operation entsteht.
Aus diesem Grund wurden in den letzten 5 Jahren zunehmend moderne kleine Herz-Lungen-Maschinen (Minimized Perfusion Circuits; MPC) entwickelt, welche inzwischen von verschiedenen Firmen (z.B. Jostra/MECC, Terumo/ROCsafe) angeboten werden. Das wesentliche Prinzip dieser MPC Systeme ist eine deutliche Verkleinerung der Fremdoberfläche und somit ein möglichst „blutschonendes“ Operationskonzept. Nur wenige Kliniken in Deutschland bieten derzeit Operationen mit MPC Systemen an, das Interesse an der neuen Technologie ist jedoch groß. Wir in Hannover verwenden für viele koronare Bypassoperationen und selektierte Herzklappenoperationen seit etwa einem Jahr das ROCsafe MPC, derzeit das Kleinste auf dem Markt befindliche System.
ROCsafe ist ein geschlossenes System, in dem das sauerstoffarme Blut des Patienten durch eine kleine Blutpumpe „angesaugt“ und nicht mittels Schwerkraft in ein Blutreservoir befördert wird. Die Länge und der Durchmesser der blutführenden Schläuche ist erheblich reduziert, was dazu führt, dass die Füllmenge des Systems um mehr als die Hälfte verkleinert ist. Während das Füllvolumen bei konventionellen Herz-Lungen-Maschinen bei etwa 1,6 l liegt, beträgt es bei neuesten Version des ROCsafe nur ca. 600 ml. Ein wichtiger Bestandteil des Systems ist eine besondere Sicherheitsvorkehrung. Auf dem Weg zur künstlichen Lunge passiert das Blut einen Ultraschalldetektor, der beim Erkennen von Luft sofort die Umdrehungszahl der Blutpumpe reduziert. Innerhalb von Millisekunden schließt sich eine Klemme und die Luftbläschen können vom Kardiotechniker mittels Vakuum entfernt werden. Durch diese Sicherheitsvorkehrung wird das Risiko neurologischer Komplikationen, die durch sog. Mikroluftbläschen auftreten können deutlich reduziert.
Insgesamt kommt es aufgrund des Kompaktheit des Systems zu deutlich weniger Verdünnung des Patientenblutes durch Infusionen. Deshalb kann auch der Einsatz von Bluttransfusionen deutlich gesenkt werden. Etwa 90% der Patienten, die bei uns mit dem neuen Konzept operiert wurden, benötigen kein Fremdblut.
Ltd. Oberarzt Priv. Doz. Dr. Kutschka hat sich wissenschaftlich seit mehreren Jahren mit dieser Technologie beschäftigt und dieses Konzept vor etwa 2 Jahren an der MHH etabliert. Seither ist die Anzahl der Eingriffe mit ROCsafe stetig zunehmend. Auch komplexe Eingriffe wie z.B. ein langsteckiger Ersatz der Aorta mit gezielter Perfusion von Nieren und Darm wird inzwischen mit dem MPC System durchgeführt. Im Rahmen von klinischen Studien wird dieses Konzept stetig weiterentwickelt.
Für unsere Herzpatienten bedeutet das neue HLM Konzept weniger Bluttransfusionen, mehr Sicherheit, kürzere Krankenhausaufenthalte und eine schnellere Genesung. Für die MHH ergibt sich ein relevantes Einsparpotential.