
Herausforderungen, offene Fragen und Perspektiven der medizinisch-beruflich orientierten Rehabilitation
Am 10. November 2011 richtete die Koordinierungsstelle Angewandte Rehabilitationsforschung, eine gemeinsame Einrichtung der Klinik für Rehabilitationsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und der Deutschen Rentenversicherung Braunschweig-Hannover, ihre nunmehr 3. Herbsttagung aus.
Die diesjährige Tagung widmete sich der Frage: „Quo vadis MBOR?“. Bisherige Entwicklungslinien, Meilensteine und den aktuellen Stand der medizinisch-beruflich orientierten Rehabilitation (kurz: MBOR) aufgreifend, beschäftigte sich die Tagung explizit mit den Herausforderungen, offenen Fragen und Perspektiven der MBOR. Die Beiträge folgten den einzelnen Phasen des MBOR-Prozessmodells: vom Zugang über die erwerbsbezogene Diagnostik und Therapie bis hin zur Frage des Übergangs ins Erwerbsleben.
155 Teilnehmende aus Forschung, Praxis und Verwaltung hörten Beiträge von 13 ReferentInnen. Sowohl in den Diskussionsrunden im direkten Anschluss an die Vorträge als auch in den Tagungspausen kam es zum angeregten interdisziplinären Austausch zwischen allen Beteiligten.
Nach der Begrüßung aller Tagungsteilnehmenden durch Dr. Monika Schwarze, Leiterin der Koordinierungsstelle Angewandte Rehabilitationsforschung, wurde das Vormittagsprogramm durch Jan Miede, stellvertretender Geschäftsführer der Deutschen Rentenversicherung Braunschweig-Hannover, eröffnet. Er verwies auf den demographischen Wandel und die damit einhergehenden Herausforderungen für die soziale Sicherung im Allgemeinen und die Rehabilitation im Besonderen und stellte eine stärker erwerbsbezogene Strategie in der medizinischen Rehabilitation seitens der Deutschen Rentenversicherung als eine notwendige Antwort auf diese Herausforderungen vor.
Im Anschluss führte Dr. Marco Streibelt, Hauptdezernent der Abteilung Rehabilitation bei der Deutschen Rentenversicherung Bund, in die Thematik ein. MBOR ziele, so Streibelt, auf die „Wiederherstellung beruflicher Leistung im Sinne der Möglichkeit zur erfolgreichen Durchführung einer Handlung unter Realbedingungen“. Diagnostik und Therapie müssten daher auf Einschränkungen in den Aktivitäten einer Person sowie auf deren Beeinträchtigungen in der Teilhabe am Erwerbsleben fokussieren. Dem bio-psycho-sozialen Modell der International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) folgend, sieht Streibelt Aktivitäten und Teilhabe immer durch eine Interaktion von Struktur- oder Funktionsschaden mit umwelt- sowie personenbezogenen Kontextfaktoren im Erwerbsleben geprägt. MBOR-Interventionen hätten sich daher möglichst stark an den tatsächlichen erwerbsbezogenen sowohl fördernden als auch hemmenden Kontextbedingungen einer Person zu orientieren. Neben dieser Definition identifizierte Streibelt drei Phasen der MBOR: eine Entwicklungsphase (1992-2000), eine Bewährungs- und Bewertungsphase (2001-2008) sowie eine Konsolidierungsphase (seit 2008), deren bisherigen Höhepunkt das MBOR-Anforderungsprofil (Deutsche Rentenversicherung Bund, 2010) darstelle. Daran anknüpfend ging er den einzelnen Phasen des MBOR-Prozessmodells folgend auf die Ausgestaltung der MBOR ein. Abschließend verwies er auf noch offene Punkte und leitete so über zu den nachfolgenden Vorträgen.
Dr. Matthias Bethge und Betje Schwarz von der Koordinierungsstelle Angewandte Rehabilitationsforschung stellten in ihrem Vortrag zur Zugangssteuerung in die MBOR Zwischenergebnisse aus der „MBOR-Management-Studie“ vor. Die gemeinsame Studie der Medizinischen Hochschule Hannover und der Universität Würzburg evaluiert die derzeit laufende modellhafte Umsetzung des MBOR-Anforderungsprofils durch sechs Rentenversicherungsträger und sieben Rehabilitationseinrichtungen. Schwarz präsentierte Zwischenergebnisse der qualitativ inhaltsanalytischen Auswertung von ExpertInneninterviews und Fokusgruppen, die bei den Trägern bzw. mit den MBOR-Teams der Kliniken durchgeführt wurden. Sie stellte die verschiedenen Vorgehensweisen der Auswahl und Zuweisung von Personen mit besonderen beruflichen Problemlagen (BBPL) vor. Diese unterscheiden sich vor allem darin, ob die Steuerung auf Träger- oder Klinikebene vorgenommen wird und ob dabei ein validiertes Screeninginstrument zum Einsatz kommt. Die Träger und Kliniken, so Schwarz weiter, verwendeten zur Bestimmung eines MBOR-Bedarfs teilweise unterschiedliche Kriterien. Alle Befragten würden jedoch neben den Indikatoren des Anforderungsprofils oder eingesetzter Screenings auch auf problematische umwelt- und personenbezogene Kontextfaktoren rekurrieren und RehabilitandInnen in der MBOR als im Vergleich zu RehabilitandInnen der herkömmlichen medizinischen Rehabilitation stärker belastetet kennzeichnen. Bethge präsentierte Zwischenergebnisse der quantitativen Analysen. Er konnte zeigen, dass sowohl Träger- als auch Kliniksteuerung eine hinreichende Sensitivität und konvergente Validität erreichen können. Entscheidend ist, die Unterscheidung von screeninggestützten und screeningunabhängigen Auswahl- und Zuweisungsverfahren. Gemessen an den BBPL-Indikatoren des MBOR-Anforderungsprofils kommen nur bei screeninggestützten Auswahl- und Zuweisungsverfahren die erwarteten RehabilitandInnen in die MBOR. Falsch-positive und falsch-negative MBOR-Fälle lassen sich, so Bethge abschließend, quantitativ nicht plausibel begründen und werden nur durch abweichende Zielgruppenbeschreibung der betreffenden Einrichtungen und/oder Träger erklärbar.
Dr. Monika Schwarze stellte ebenfalls erste Ergebnisse zu Teilfragestellungen aus der „MBOR-Management-Studie“ vor, wobei sie auf verschiedene MBOR-Konzepte, Herausforderungen bei der Entwicklung, Umsetzung und Verstetigung eines MBOR-Programms sowie auf die zentrale Bedeutung interdisziplinärer Zusammenarbeit im Rehabilitationsteam verwies. Im direkten Anschluss stellte Monika Dorn, Leiterin des Psychologischen Dienstes im Rehazentrum Bad Eilsen, exemplarisch das MBOR-Konzept ihrer Klinik vor und berichtete von dessen Entwicklung und Umsetzung sowie der Form und dem Stellenwert der Zusammenarbeit im Rehabilitationsteam.
Das Nachmittagsprogramm wurde durch Grußworte von Prof. Dr. Christoph Gutenbrunner, Direktor der Klinik für Rehabilitationsmedizin der MHH, eingeleitet und von Dr. Inge Ehlebracht-König, Ärztliche Direktorin des Rehazentrums Bad Eilsen, moderiert.
Dr. Torsten Alles vom Institut für Qualitätssicherung in Prävention und Rehabilitation GmbH an der Deutschen Sporthochschule Köln referierte anschließend zur anforderungsorientierten Diagnostik in der MBOR. Er betonte deren zentralen Stellenwert für eine hochwertige MBOR und beschrieb mit dem Belastungs-Beanspruchungs-Modell, der kognitiven Stresstheorie und dem ICF-Aktivitätskonzept die theoretische Basis anforderungsorientierter Diagnostik. Anschließend ging er näher auf das Vorgehen und auf Herausforderungen bei Profilvergleichsverfahren ein, unterstrich die Bedeutung eines interdisziplinär verfolgten, mehrdimensionalen Profilvergleichsverfahrens und als grundlegende Voraussetzungen den Zugriff auf aussagekräftige Anforderungsprofile sowie flexibel einsetzbare Assessmentverfahren.
Dr. Martin Holme, Ärztlicher Direktor des Rehazentrums Bad Pyrmont, referierte anschließend über Gruppeninterventionen in der MBOR. Exemplarisch stellte er Zielgruppen sowie Inhalte einzelner Gruppeninterventionen vor.
Stefan Löffler, vom Arbeitsbereich Reha-Wissenschaften an der Universität Würzburg, sprach zur Dissemination beruflich orientierter Interventionen in der medizinischen Rehabilitation im Allgemeinen und von Arbeitsplatztraining und Arbeitstherapie im Besonderen. Hier schloss sich der Vortrag von Gerhard Schnalke, Geschäftsführer des Ambulanten Reha Centrums Braunschweig, an. Er beschrieb die an der Evaluation funktioneller Leistungsfähigkeit (EFL) ausgerichtete Ausgestaltung eines Arbeitsplatztrainings. Auf Grundlage eines Profilvergleichs von Arbeitsanforderungen und der mittels ausgewählter EFL-Items bewerteten Leistungsfähigkeit werden individuelle an den Arbeitsanforderungen ausgerichtete Trainingspläne entwickelt, um relevante arbeitsbezogene Bewegungshandlungen zu trainieren. Fallbeispiele von RehabilitandInnen aus dem Baugewerbe illustrierten die Umsetzung in der Rehabilitationspraxis.
Wolfram Schulz, Geschäftsführer des Therapie-Zentrums Süd der medaktiv reha gmbh, warf nach einer Kaffeepause die Frage auf, ob MBOR auch im ambulanten Setting funktioniere. Er antwortete mit eigenen Erfahrungen aus seinem Therapie-Zentrum, in dem seit Mai 2011 eine 20-tägige MBOR für Personen mit BBPL vorgehalten wird, und benannte vor allem die engere Zusammenarbeit mit den Arbeitgebern vor Ort als Vorteil der ambulanten MBOR. Neben der screeninggestützten Auswahl der RehabilitandInnen skizzierte Schulz auch die Kernmaßnahmen des vorgehaltenen ambulanten MBOR-Angebots. Zusammenfassend zog Schulz das Fazit, dass eine MBOR im ambulanten Setting sehr gut möglich sei und darüber hinaus unverzichtbar für eine flächendeckende Dissemination.
Den letzten Vortrag der Tagung hielt Jürgen Rodewald, Leiter der Abteilung Rehamanagement und Steuerung der Deutschen Rentenversicherung Braunschweig-Hannover. Er referierte zum MBOR-Fallmanagement. Anliegen sei es, Personen, die eine MBOR durchlaufen haben, im Bedarfsfall weitergehend bei ihrer Wiedereingliederung ins Erwerbsleben zu unterstützen. Durchgeführt werde das Fallmanagement vom wohnortnahen Reha-Fachberatungsdienst. Die Zuweisung erfolge entweder am Rehabilitationsende über den Sozialdienst direkt aus der MBOR oder aufgrund von Hinweisen aus einer telefonischen Nachbetreuung. Art und Umfang des Fallmanagements variierten z. B. danach, ob ein Beschäftigungsverhältnis vorliegt und der vorliegende Arbeitsplatz bzw. die zuletzt ausgeübte Tätigkeit leidensgerecht sind.
Die von den Teilnehmenden als erfolgreich bewertete Tagung sprach Herausforderungen und offene Fragen der MBOR an, zeigte aber gleichzeitig mögliche Wege und Perspektiven für die Zukunft auf. Sie gab wichtige Anregungen für Praxis, Verwaltung und Forschung und setzte ein positives Signal auf dem Weg zu einem flächendeckenden MBOR-Angebot.