
Wie alles in Deutschland anfing - Forschungsworkshops für Hebammen
Im deutschsprachigen Raum begann nach dem Forschungsworkshop des internationalen Hebammenverbandes (ICM) in Tübingen im September 1989 ein großes Interesse an evidenzbasierter Praxis unter den deutschsprachigen Hebammen (1,2). Seit dieser Zeit gibt es jedes Jahr einen vom Deutschen Hebammenverband (DHV) veranstalteten Forschungsworkshop für Hebammen. Er ermöglicht den Austausch forschungsinteressierter Hebammen und die Verbreitung evidenzbasierter Praxis (3-14). Moderiert wird er seit den Anfängen von Dr. Mechthild Groß. 2010 fand der Forschungsworkshop erstmals als Vorkongress des XII. Deutschen Hebammenkongresses in Düsseldorf statt. Präsentiert wurden Promotionen sowie Master- und Bachelorarbeiten von Hebammen. Besonders erwähnenswert sind Praxisprojekte engagierter Hebammen, die akademisch als Bachelorarbeiten aufbereitet werden (15).
Evidenzbasierte Betreuung während Schwangerschaft und Geburt
Dem Vortrag von Prof. Marc Keirse auf dem 5. Forschungsworkshop für Hebammen im Jahre 1994 ist es zu verdanken (16), dass das geburtshilfliche Standardwerk zur evidenzbasierten Schwangerenbetreuung und Geburtshilfe federführend von Hebammen in die deutsche Sprache übersetzt wurde (17). Nach der ersten deutschen Auflage 1998 erschien die zweite deutsche Auflage der dritten englischen Ausgabe im Jahre 2006 (18,19). Dieses Handbuch basiert auf den beiden umfangreichen Volumes Effective Care in Pregnancy and Childbirth (20), die die Wiege der evidenzbaiserten Gesundheitsversorgung darstellen. Sie sind der Vorläufer der heutigen multidisziplinär aufgestellten Cochrane Collaboration and Cochrane Library (21). Aufbauend auf dem ergebniszentrierten Ansatz randomisierter klinischer Studien wurden an der Medizinischen Hochschule Hannover spezielle Ansätze entwickelt, die die effektive Betreuung während des Gebärens adressieren (22).
Hebammenwissenschaft und Infrastruktur
Rückblickend kann man die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts als eine Dekade bezeichnen, in der es im Wesentlichen darum ging, Forschungsbewusstsein unter Hebammen zu generieren. Hebammen, die an Universitätskliniken ausgebildet wurden oder dort arbeiteten, hatten im Allgemeinen einen leichteren Zugang zu dieser Thematik im Vergleich zu Kolleginnen fernab einer akademischen Infrastruktur. Auch im Osten Deutschlands gab es in den 90er Jahren bereits zahlreiche als Medizinpädagoginnen ausgebildete Kolleginnen, die sich im wissenschaftlichen Kontext durchaus zu helfen wussten. Im Kontakt mit einer aus Rostock stammenden Kreißsaalleitung musste ich (MG) als Doktorandin an der Universität Bremen im Kreißsaal zunächst meine Lateinkenntnisse unter Beweis stellen. Auf die Feststellung der leitenden Hebamme, dass der kindliche Kopf ante portas stünde, antwortete ich hocherfreut, dass es ja nicht mehr so lange bis zur Geburt dauern könne. Dies reichte offensichtlich als Kongruenzprüfung zwischen akademischer Befähigung und Hebammentauglichkeit, sodass die weitere klinische Zusammenarbeit erfolgversprechend gebahnt war.
Nach der Jahrtausendwende haben sich an einigen Universitäten und Fachhochschulen Hebammenschwerpunkte gebildet, die versuchen, langfristige ausbildungsorientierte Strukturen aufzubauen. Neben den Aktivitäten in der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an der Medizinischen Hochschule Hannover ist hier die Fakultät für Pflege- und Gesundheitswissenschaften an der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zu nennen. Ansprechpartnerin für Hebammenfragen ist Dr. Gertrud Ayerle. Auf Fachhochschulebene ist auf die Standorte Osnabrück und Bochum zu verweisen. Ungefähr zehn Hebammen in Deutschland sind derzeit promoviert, an den Fachhochschulen gibt es vier Hebammenprofessorinnen.
Zukunftsvisionen: Hebammenwissenschaft in der universitären Frauenklinik als Modell
Vor dem Hintergrund der umfassenden täglichen Verantwortung, denen Hebammen in ihrer praktischen Tätigkeit gerecht werden, ist es angemessen, auch in der Ausbildung ein entsprechendes Niveau sicherzustellen. An der Medizinischen Hochschule Hannover haben wir in den letzten Jahren ein Modell entwickelt, das unter dem Dach der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe den Wissenschaftsbestrebungen von Hebammen größtmögliche Autonomie bei gleichzeitiger Verzahnung mit der klinischen Infrastruktur ermöglicht. Dieser ständige Austausch zwischen klinischen Kasuistiken parallel zu Forschung und Lehre lassen die studierenden Hebammen hautnah miterleben, dass Hebammenwissenschaft in der klinischen Praxis verortet ist. Dies ist ein wirksames Mittel, damit ein möglicher brain drain von engagierten Hebammen aus universitären Strukturen in seinen Anfängen unterbunden wird. Gelingt es der Geburtshilfe, akademisch qualifizierte Hebammen an klinischer Verantwortung angemessen partizipieren zu lassen, dann kommt dies nicht nur den Frauen und ihren Kindern zugute. Auch der medizinische Nachwuchs in der Geburtshilfe wird von hochqualifizierten und gleichzeitig manuell geschickten Hebammen profitieren.
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Literatur