
Die übergeordnete Forschungsrichtung des Instituts für Pharmakologie ist die molekulare und pathophysiologische Analyse der transmembranären Signaltransduktion.
Die beiden Forschungsschwerpunkte sind G-Protein-gekoppelte Rezeptoren sowie zyklische Nukleotide. Die beiden Forschungsschwerpunkte werden durch einzelne aufeinander abgestimmte Teilprojekte repräsentiert. Zwischen den beiden Forschungsschwerpunkten gibt es zahlreiche Quervernetzungen. Unser Hauptaugenmerk gilt derzeit der Etablierung und Analyse von Modellen für wichtige klinische Krankheitsentitäten, die wir dann hinsichtlich der Signaltransduktion und möglicher therapeutischer Eingriffsmöglichkeiten analysieren. Unsere Forschung hat unmittelbare Bezüge zu den Fächern Pädiatrie, Neurologie, Psychiatrie, Hämatologie, Kardiologie, Pulmonologie, Nephrologie und Dermatologie, Gastroenterologie und Rheumatologie. Außerdem kooperieren wir interdisziplinär mit Wissenschaftlern aus den Fächern Biochemie, Biophysik und Medizinische Chemie.
Das β2-Adrenozeptor-Projekt hat für die klinische Anwendung von β2-Adrenozeptoragonisten Relevanz und das Antipsychotika-H2-Rezeptor-Projekt hat für die Arzneimittelsicherheit Bedeutung. Projekte über Adenylylzyklase-Regulation in Herz und Niere sowie zyklische Nukleotide in C. elegans, den H4-Rezeptor und Lesch-Nyhan-Syndrom haben vor allem pathophysiologische Bedeutung. Die Projekte über die H2-Rezeptor-vermittelte Differenzierung von Promyelozyten sowie die Analyse der Calmodulin-Adenylylzyklase-Regulation sind für die Arzneistoffentwicklung bedeutsam. Es ist uns wichtig, das Fach Pharmakologie hinsichtlich der angewendeten Methoden und Modelle für die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses in einer großen Breite abzubilden. Dadurch soll auch die Ausbildungen von Medizinern zum Arzt für Pharmakologie und Toxikologie (Ärztekammer Niedersachsen) und von Naturwissenschaftlern zum Fachpharmakologen DGPT gefördert werden.
Zyklische Nukleotide | Die zyklischen Nukleotide cAMP und cGMP sind sehr gut etablierte Second Messenger. In der Vergangenheit hat sich der Arbeitskreis Seifert vor allem mit der Entwicklung von Inhibitoren membranärer Adenylylzyklasen (mACs) beschäftigt (Seifert et al.). Der Schwerpunkt hat sich nun mehr in Richtung Analyse pathophysiologisch relevanter Modellsysteme verschoben. Wir arbeiten derzeit insbesondere an Modellen der Herzinsuffizienz und der polyzystischen Nierenerkrankung. Außerdem analysieren wir die Interaktion von ACs mit Calmodulin. Hierbei stehen die bakteriellen AC-Toxine CyaA von Bordetella pertussis und Ödemfaktor (EF) von Bacillus anthracis sowie die mAC Isoform 1 im Vordergrund. Die AC1 ist insbesondere für die Therapie neuronaler Erkrankungen (chronischer Schmerz, Lern- und Gedächtnisstörungen) von Interesse. Wir beschäftigen uns auch intensiv mit der Analyse von BODIPY-Forskolin, da dieses Diterpen selektiv die AC2, aber nicht andere mAC-Isoformen inhibiert (Erdorf M et al.). Außerdem explorieren wir die Fluoreszenzeigenschaften von BODIPY-Forskolin. Als ein für die Pharmakologie relativ neues System zur Analyse zyklischer Nukleotide haben wir jetzt auch das C. elegans-System etabliert. Schwerpunkt dieses Teilprojektes ist die Analyse von cAMP- und cGMP-Konzentrationen in verschiedenen C. elegans-Mutanten unter normalen Wachstumsbedingungen und unter Stress, UV-Licht, reaktiven Sauerstoffspezies und Hitzeschock. Wir nutzen das System derzeit also vor allem als Modell für Alterungs- und Degenerationsvorgänge. Ausgehend von Befunden, dass mACs und die lösliche Guanylylzyklase (sGC) eine breite Basenspezifität für Inhibitoren besitzen (Seifert R et al.), haben wir uns in den letzten Jahren zunehmend mit der Frage beschäftigt, inwiefern neben cAMP und cGMP auch die zyklischen Pyrimidinnukleotide cCMP und cUMP Second Messenger-Moleküle darstellen könnten. Der Aufbau dieses Projektes verlief zunächst sehr zäh, da kaum experimentelle Werkzeuge zur Verfügung standen. Die Firma Biolog hat jedoch inzwischen eine ganze Reihe von cCMP- und cUMP-Analoga für die Forschung entwickelt. Außerdem war die Entwicklung neuer, sensitiver und sehr spezifischer massenspektrometrischer Methoden zur Detektion von cCMP und cUMP in der Core Unit Massenspektrometrie-Metabolomics sehr wichtig. Weiterhin wurde die Etablierung des Arbeitsgebietes dadurch erschwert, dass es in der Frühzeit der Forschung zu diesem Thema erheblich methodische Probleme gab (Cech SY und Ignarro LJ; Gaion RM und Krishna G), die dazu führten, dass das Gebiet bislang nie intensiv bearbeitet wurde. Die Anzahl der Publikationen über cCMP und cCMP nimmt aber seit 2010 stetig zu (Göttle M et al., Desch M et al., Reinecke D et al., Wolter S et al., Beste KY et al.). Wir arbeiten aktuell über Generatoren und Effektoren von cCMP und cUMP. Derzeit befindet sich dieses Arbeitsgebiet noch im Stadium der Grundlagenforschung, und spezifische klinische Anwendungen sind noch nicht konkret absehbar. Historisch gesehen war jedoch die Beschäftigung der Pharmakologie mit fundamentalen Signaltransduktionsvorgängen sehr erfolgreich und hat viele neue Therapieprinzipien hervorgebracht. |
Histamin-Rezeptoren | In Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe Buschauer an der Universität Regensburg sowie der Arbeitsgruppe Bäumer/Kietzmann von der Tierärztlichen Hochschule Hannover und der Abteilung für Immundermatologie und Experimentelle Allergologie der MHH (Prof. Werfel), wurde der Forschungsschwerpunkt „Histamin H4-Rezeptor" erfolgreich aufgebaut. Über das COST-Programm BM0806 ist der H4R-Schwerpunkt auf europäischer Ebene verlinkt. Über das GRK 1441 sowie den SFB 587 sind wir mit diesem Schwerpunkt in Forschungsverbünde der MHH integriert. Der H4R spielt in der Pathogenese des Asthma bronchiale eine wesentliche Rolle. Daher stellen H4R-Antagonisten auch eine neue vielversprechende Arzneistoffklasse zur Behandlung dieser Erkrankung dar. Im Rahmen dieses Schwerpunktes werden tierexperimentelle, zellbiologische und molekularpharmakologische Untersuchungen durchgeführt. Ferner bestimmen wir mittels Massenspektrometrie die Konzentrationen von Histamin, Histaminmetaboliten und histaminergen Pharmaka im Blut und Gewebe (Zimmermann AS et al.). Aktuell werden derzeit neue Krankheitsmodelle für die Colitis ulcerosa und die rheumatoide Arthritis etabliert. Des Weiteren gehen wir der Frage nach, inwiefern bestimmte Psychopharmaka wie das Clozapin über den Histamin H2-Rezeptor (H2R) eine Agranulozytose induzieren können. Aus molekularpharmakologischen Untersuchungen haben wir Hinweise dafür erhalten, dass die Affinität von Clozapin zum H2R hinlänglich hoch ist, um auch unter klinischen Bedingungen diesen Rezeptor zu blockieren (Appl H et al.). Dieses Projekt ist für die Arzneimittelsicherheit Fuchs WS et al.)von erheblicher Bedeutung. Unter dem Schwerpunkt seltene Erkrankungen (s. unten) bearbeiten wir ferner ein Projekt zur Rolle des H2R in der Differenzierungstherapie der akuten myeloischen Leukämie. |
Seltene Erkrankungen | Kürzlich wurde an der MHH das Zentrum für Seltene Erkrankungen (ZSE) gegründet. Das Institut für Pharmakologie übernimmt im Rahmen des Zentrums die Beratung und Information über „Orphan Drugs“. Außerdem werden am Institut für Pharmakologie drei Forschungsprojekte über seltene Erkrankungen bearbeitet. Diese Projekte sind in die Forschungsschwerpunkte „zyklische Nukleotide“ (s. oben) und „Histamin-Rezeptoren“ (s. oben) integriert. 2. Im zweiten Projekt arbeiten wir über die autosomal-rezessive polyzystische Nierenerkrankung (ARPKD) (Prävalenz 1 : 20.000). Bei der ARPKD kommt es bereits im frühen Kindesalter zur Zystenbildung in den Nieren, die früh zur Niereninsuffizienz führt. Ferner wird die Leber zystisch umgebaut. Aus Zellkulturversuchen gibt es Hinweise dafür, dass cAMP bei der Stimulation des Zystenwachstums eine wichtige Rolle spielen könnte. Ausgehend von einer kürzlich erschienenen Arbeit, in der wir die Regulation der Adenylylzyklase-Aktivität in der Kanninchenniere ausführlich charakterisierten (Erdorf M und Seifert R), analysieren wir derzeit die Regulation der Adenylylzyklase in einem Rattenmodell für die ARPKD. Wir erhoffen uns durch diese Untersuchungen wichtige Rückschlüsse auf die Pathophysiologie der ARPKD und die Entwicklung neuer therapeutischer Angriffspunkte. 3. In einem dritten Projekt analysieren wir die mögliche Bedeutung des Histamin H2-Rezeptors (H2R) als pharmakologische Zielstruktur für die Entwicklung von Pharmaka zur Behandlung der akuten myeloischen Leukämie (AML) (Prävalenz 0,7 : 10.000). Bei der AML liegt ein Differenzierungsblock myeloischer Stammzellen vor. Der Arbeitskreis Seifert hatte schon vor 20 Jahren gezeigt, dass Histamin über den H2R eine funktionelle Differenzierung von HL-60-Promyelozyten induziert (Seifert R et al.). Allerdings wurde dieser Ansatz bisher nicht weiterverfolgt. Vor kurzem wurde nun Histamin und Interleukin-2 als Orphan Drug unter dem Handelnamen Ceplene® zur Behandlung der AML zugelassen, wobei hierbei ein immunmodulatorischer Mechanismus diskutiert wird. Ziel unseres Forschungsprojektes ist es nur, das Potential des H2R als Zielstruktur zur Differenzierungstherapie der AML zu explorieren. Dazu analysieren wir in verschiedenen myeloischen Zelllinien die H2R-vermittelte Signaltransduktion und Differenzierung. Als pharmakologische Werkzeuge setzen wir dazu u. a. selektive H2R-Agonisten ein, die von der Arbeitsgruppe Buschauer an der Universität Regensburg entwickelt wurden. |
β2-Adreno-zeptor | Seit einiger Zeit arbeiten wir auch wieder am β2-Adrenozeptor. Ausgangspunkt für diese Untersuchungen sind Vorarbeiten des Arbeitskreises Seifert an der Stanford University (Seifert et al. 1998), an der University of Kansas (Wenzel-Seifert und Seifert 2000) und an der Universität Regensburg (Weitl und Seifert 2008) über ligandspezifische Rezeptorkonformationen. Besonders wichtig ist auch die Erkenntnis, dass Agonist-Stereoisomere unterschiedlich aktive β2-Adrenozeptorkonformationen stabilisieren (Seifert et al. 2009). Wir analysieren derzeit die Wirkungen verschiedener Agonist-Steroisomere auf diverse Parameter der β2-Adrenozeptor-vermittelten Signaltransduktion in humanen neutrophilen Granulozyten und in HL-60-Promyelozyten. Ferner setzen wir das Sf9-Insektenzell-Expressionssystem ein. Diese Untersuchungen ergeben Evidenz für die Existenz ligandspezifischer Rezeptorkonformationen. Solche Rezeptorkonformationen kommen offenbar nicht nur in rekombinanten Systemen, sondern auch in nativen Zellen vor und lassen sich dazu nutzen, selektivere Arzneimittelwirkungen zu erzielen und die Arzneimittelsicherheit zu erhöhen. Da β2-Adrenozeptoragonisten eine sehr große Bedeutung in der Therapie des Asthma bronchiale besitzen, stellt dieses Projekt auch eine wichtige Quervernetzung zum H4-Rezeptor-Projekt sowie zum SFB 587 dar. Um das Projekt klinisch zu verankern, haben wir eine Kooperation mit Prof. Kabesch (Klinik für Päd. Pneumologie, Allergologie und Neonatologie der MHH) etabliert. Im Rahmen dieser Kooperation versuchen wir eine Beziehung zwischen den funktionellen Eigenschaften des β2-Adrenozeptors in humanen neutrophilen Granulozyten gesunder Spender und von Asthmatikern sowie β2-Adrenozeptor-Polymorphismen herzustellen. Das Ziel des Projektes besteht darin, die Ursachen für die Resistenz von Patienten gegenüber einer Therapie β2-Adrenozeptoragonisten aufzuklären und die Therapie individualisiert zu verbessern. Für diese Untersuchungen sind neutrophile Granulozyten ein relevanter und leicht verfügbarer Zelltyp, denn beim schweren Asthma bronchiale kommt es zu einer massiven Akkumulation dieser Zellen in der Bronchoalveolarflüssigkeit. |

Die Medizinische Hochschule Hannover hat sich zur größten Transplantationsklinik in Deutschland entw...